Jacqueline Doll: Monolog eines Steins

So viele Jahrhunderte zähle ich nun schon.
Ich
weiß noch damals, als ich noch ein kleines Sandkorn war, und meine
Mutter mich und meine Brüder und Schwestern mahnte, nicht zu weit weg zu
wehen.
Ich hatte gelacht, denn ich dachte, wenn ich weggeweht werde, kann ich auch zurückwehen.
Doch umso weiter mich die Lüfte trugen, umso schwerer wurde ich, bis der Herr der Lüfte sprach, er könne mich nicht mehr tragen.
Ich sei zu dick geworden.
Bevor
ich etwas erwidern konnte, flog ich jedoch wieder, und dachte, Bruder
Böhe würde sich einen Spaß erlauben, doch während ich so herumwirbelte
blickte ich zurück., und sah einen Jungen der mich gegriffen und
fortgeworfen hatte.
Dank meiner harten Schale, tat es nicht sonderlich weh, doch übel wurde mir. Und schwummrig, puh.
Ich prallte auf den Boden und fand mich im hohen Gras wieder. Dort
lernte ich viele Blumen und Schmetterlinge kennen, und sogar ein
Eichhörnchen.
Frau Hörnchen trug mich gerne in ihren Armen vom einen
Ende der Wiese zum anderen, und ab und zu erhaschte ich einen Blick aufs
Meer, das am Horizont lag.
Es war wunderschön, und so riesig.
Und dort am Strand spielten Mütter mit ihren Buben und sie sahen so vergnügt aus.
Da bekam ich Heimweh und sehnte mich nach meinen Brüdern und Schwestern.
Ob sie wohl genauso groß und dick geworden waren wie ich? und ob Mutter
nun ganz allein ist?

Frau Hörnchen sah damals meine grüblerischen Augen, und ich bat sie, mich zum Meer zu tragen.
Trotz
ihrer Angst zu den Menschen, versprach sie, mich am späten Abend
hinüberzubringen, denn sie spürte die Sehnsucht die sich in mir verbarg.
Doch dummerweise passierte dann ein Unglück.
Sie brachte mich auf einen Steg, und erschrak vor etwas, und ließ mich ins Meer fallen.
Ich
hatte schon ganz schöne Angst, als ich die Oberfläche durchbrach, alles
wurde dunkel und kalt um mich herum. Trübe Dunkelheit nahm mir die
Sicht, und ich hatte das Gefühl jahrelang zu fallen. Doch ich schwebte,
ich schwebte durchs Wasser, und als ich auf den Grund kam, schmeichelte
mir der Sand. Er war weich und gemütlich. Hier ließ es sich aushalten,
doch hatte ich Angst einsam zu sein.
Da sprach die Stimme des Meeres zu mir. Sie würde für mich sorgen, mich
umspielen, mich wärmen und beschützen. Sie war so freundlich, ich fühlte
mich geborgen.
Mit den Jahrzehnten wurde meine Oberfläche immer
glatter und glänzender, die Fische und Quallen kuschelten sich gerne an
mich, worauf die umliegenden Muscheln oft eifersüchtig wurden. Doch auch
wir liebten uns.
Hier herrschte immerzu Harmonie. Diesen Ort werde ich nie wieder verlassen.
Denn ich habe wieder Brüder und Schwestern. Und eine Mutter, das wunderschöne Meer.

Jacqueline Doll
-Alle Rechte liegen bei der Autorin-

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