Anne Schubert: Begegnung

Völlig entspannt lag das riesige Tier unter meinem Schreibtisch. Ich wusste, dass es da war, und trotzdem sah ich es heute zum ersten Mal richtig an. Ein Wolf, mit grau meliertem Fell, etwas struppig, aber imposant bis in die Schwanzspitze. Warum lag er so zusammengekauert unter meinem Tisch? Sollte ein Wolf nicht draußen durch die Wälder ziehen, frei und wild sein? Völlig entspannt lag er da und sah mich an. In meinem Büro sind Tiere verboten. Doch ihn hatte niemand gesehen, niemand schickte ihn raus. Es geht hektisch zu, mein Chef läuft an mir vorbei und ruft mir kurz angebunden zu, dass er die Marktanalyse um 16 Uhr auf dem Tisch haben will. Zahlen tanzen auf meinem Computerbildschirm, vereinigen sich mit anderen Zahlen und stützen die Behauptungen von Experten, die Kurven und Diagramme aus ihnen machen. Sie meinen zu wissen, ob der Markt zusammenbricht oder nicht, ob die Wirtschaft genug Kraft hat, um selbstständig aus dem Finanzloch zu klettern oder nicht. Aber in diesem Moment interessiert mich das alles nicht. Interessant ist jetzt nur der Wolf unter meinem Schreibtisch. Fragend schaut er mich an. „Na, was tust du denn hier?“ fragte ich ihn. Er grinste. „Ich wollte mal sehen, wie´s dir so geht. Aber ich sehe, du langweilst dich. Warum sitzt du hier hierum und starrst auf Zahlen?“ Ich erschrak. Er hatte völlig recht. Warum saß ich hier? „Weil ich meine Wohnung bezahlen muss. Und mein Mittagessen. Weil ich ohne einen Job auf der Straße sitzen würde.“ „Bist du sicher?“ gähnte er zurück. Er streckte seine Beine von sich und ließ sich auf die Seite fallen. „Für mich sieht es eher so aus, als wäre es der einfachste Weg. Der Bequemste. Etwas stressig zwar, aber nicht spannend oder mit Spaß verbunden.“ „Na hör mal!“ maulte ich ihn an. „Ich habe mir den Hintern aufgerissen, um soweit zu kommen! Habe nach meiner Ausbildung ein Studium angefangen und gehörte zu den Besten des Jahrgangs! Sogar ein Stipendium hatte ich in der Zeit! Von wegen bequem – diese Position hier habe ich mir hart erkämpft!“ Er gähnte wieder. Mir schien, als würde er dabei schmunzeln. „Erzähl mir doch nichts. Klar, du hast studiert. Und es war anstrengend, aber hauptsächlich hat es dir Spaß gemacht! Du musst gar nicht mit dem Kopf schütteln, ich weiß es doch. Und das Stipendium, klar hast du es dir erkämpft. Aber es ist der Kampf, der dir Spaß macht! Du brauchst die Herausforderung! Du willst herausragen, etwas Besonderes sein, und alle sollen es wissen! Nur deshalb hast du in der Studienzeit einen Artikel über die Stiftung im Unimagazin veröffentlicht. Es macht dich stolz. Genau wie der langweilige Bürokram hier. Der Titel macht dich stolz, und das was er mit sich bringt. Aber Hand aufs Herz: macht dich das glücklich?“ Ich starrte ihn an. Wie konnte dieser struppige, graue große Hund nur so mit mir reden? Als wenn ich hier nicht glücklich wäre! „So ein Unsinn!“ rief ich ihm entgegen. „Natürlich macht mich das glücklich! Sieh nur, was ich geschafft habe! Ich habe eine große, wundervolle Wohnung, kann mir wochenlange Urlaube im Paradies leisten und werde hier bei der Arbeit geschätzt und geachtet. Ich leiste hier einen wichtigen Beitrag!“ „Ja“ grunzte er und kratzte sich mit seinen Zähnen am linken Vorderbein. „Aber das war nicht die Frage. Du hast, was andere wollen. Doch willst du das auch? Ist es nicht nur ein Vorwand, um hier sitzen zu müssen? Warum machst du Urlaub im Paradies, anstatt dort zu leben? Warum lebst du in einer großen Wohnung, wenn du den ganzen Tag hier am Schreibtisch hockst? Ich sehe den Sinn darin nicht.“ Er unterbrach seinen Vortrag, um sich den Bauch zu lecken. Fassungslos starrte ich das Tier an. Er passte genau unter meinen Schreibtisch, stellte ich fest. Ich hatte einen großen Schreibtisch, der über Eck ging und von einem Rollcontainer mit 5 Schubladen auf der einen Seite und der Fensterfront auf der anderen Seite begrenzt wurde. Das imposante Tier lag mit dem Hintern in Richtung Fensterfront, die Schnauze in Richtung meiner Schuhe. Wenn ich die Beine ausstrecken würde könnte ich meine Füße an seinem Bauch wärmen. Doch ich tat es natürlich nicht – wie sähe das denn aus. Statt dessen antwortete ich ihm: „Wie soll ich denn sonst Geld verdienen? Ich will ja nicht im Alter von Harz IV leben!“ Ich unterstrich mein Argument mit einer schwungvollen Handbewegung. Der Wolf drehte sich auf den Bauch und überschlug elegant die Vorderbeine. Jetzt sah er aus wie mein Hund, der vor einigen Jahren gestorben war. Es war ein Labrador, der auch immer so dalag. Mit verengten Augen starrte er mich an. „Meine Güte, jetzt sei nicht so theatralisch! Als wenn du verarmen würdest, sobald du nicht am Schreibtisch sitzt und Zahlen sortierst! Du kannst doch so viel anderes, und das auch noch besser! Du hast doch bloß Schiss, sonst nichts!“ Die Wut suchte sich langsam ihren Weg in meinen Bauch. Ich drückte die Füße fest in den Boden und entgegnete entrüstet: „Besser als Zahlen sortieren? Ich sortiere hier keine Zahlen! Ich erstelle Berichte, auf der die Geschäftsführer Entscheidungen für das Unternehmen treffen! Ich analysiere Meinungen und Einschätzungen von Experten, sammle Daten und Fakten und füge sie zu einem Papier zusammen, die als Grundlage für Strategien genutzt werden! Das ist nicht mal einfach so getan, und das kann auch nicht jeder! Du bist so unverschämt!“ Ich war kurz davor, meinen Stuhl zurück zu schieben und meinen Platz zu verlassen, um ja nicht mehr mit diesem unverschämten Wolf sprechen zu müssen. Er schien ganz entspannt. Meinen Wutausbruch nahm er gelassen zu Kenntnis. „Ich habe nicht gesagt, dass du das hier nicht kannst. Ich habe auch nicht gesagt, dass das, was du tust, jeder kann. Ich habe lediglich erwähnt, dass du andere Dinge besser kannst.“ „Zum Beispiel?“ erwiderte ich biestig. „Schreiben.“ antwortete der Wolf. „Damit kann ich aber kein Geld verdienen.“ giftete ich zurück. „Du hast es doch noch gar nicht versucht.“ Er gähnte wieder. „Diese Umgebung hier macht mich schläfrig. Wie kannst du den ganzen Tag hier wach bleiben, bei der Wärme der Maschinen und dem Rumoren der Kollegen? Die ganze Kulisse läd zum Nickerchen ein. Das Piepsen des Druckers, die leisen Stimmen an den Telefonen in den Nachbarbüros, das Ticken der Uhr auf deinem Schreibtisch.“ Er stand auf, streckte sich und legte sich mit dem Kopf in die andere Richtung wieder hin. Nun sah er mich im Profil. Wie ich von da unten wohl wirkte? Anscheinend nicht eindrucksvoll, denn er moserte weiter: „Du willst doch schreiben, das erzählst du mir immer wieder. Wenn du abends ins Bett gehst hast du eine Geschichte vor Augen. Wenn du in der U-Bahn sitzt denkst du dir Stories über die Fahrgäste aus. Du erfindest immer zu, und deine Fantasie ist in deinem Kopf eingesperrt und wird ganz verrückt, weil sie von Ängsten und Vorschriften bewacht wird. Wach endlich auf und fang an!“ Den letzten Satz knurrte er fast. Ich bekam ein wenig Angst vor ihm. Ein Blick auf seine Reißzähne bewies mir, dass er mich in Stücke reißen könnte, wenn er wollte. Trotzig entgegnete ich ihm: „Und wenn ich es nicht kann? Und wenn ich nicht gut genug bin? Wenn keiner wissen will, was aus meiner Fantasie entsteht, wenn sie befreit wird? Vielleicht finden die Menschen es schlecht. Vielleicht will keiner drucken, was ich schreibe. Oder ich verrenne mich da in eine bescheuerte Idee…“ Ich brach ab. Welche Ausflüchte brachte ich denn noch zu Stande? Und wieso rechtfertigte ich mich vor einem Wolf? Er schien meine Gedanken zu erraten und feixte. „Hab ich´s mir doch gedacht. Du weißt, dass das alles Ausreden sind! Los, ran ans Werk! Den PC hast du doch vor dir stehen! Jetzt schreib, auch wenn dein Chef dir die Ohren abreißen würde, wenn er mitbekommt dass du bei der Arbeit Geschichten verfasst. Schreib, es befreit dich!“ Er hatte recht. Ich lächelte ihn an und öffnete das Word-Programm an meinem Computer. Die Ideen strömten auf mich ein. Ich begann zu schreiben. Während ich tippte, schlüpfte ich aus meinen Schuhen und streckte meine Füße unter den warmen Bauch des Wolfes. Er legte sich bequem hin und begann nach einer Weile zu schnarchen.

Anne Schubert
-Alle Rechte liegen bei der Autorin-

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