Jessica Link: Totem

Manchmal hasse ich es. Ja okay vielleicht habe ich falsch gehandelt, aber muss er mir deswegen wieder so in den Ohren hängen?
„Ich habe es dir ja gesagt das es falsch ist bla bla bla“ Neugier kann einen schon mal in merkwürdige Situationen bringen, ich zum Beispiel hockte gerade auf der Toilette einer Bibliothek.
Ich musste säufzen, noch immer schritt er auf seinen dünnen Beinen vor mir auf und ab und hielt eine seiner Predigten. Davon hatte er immer eine parat, für jede Situation, mochte sie auch noch so absurd sein. Seine Federn waren aufgeplustert und wenn ich es nicht besser wüsste würde ich behaupten sein Schnabel färbte sich mit jedem kleinen Schritt mehr tomatenrot.
Kelmo sah mich mit funkelnden Augen an. Er war also immer noch voll dabei. „Wenn du mir nur einmal zuhören würdest, wären wir nicht immer wieder in solchen Situationen.“
Ich sah an der Wand hinauf bis hin zum Fenster, wo es langsam dunkler wurde, „Wenn ich mich richtig erinnere saßen wir noch nie in der Toilette einer Bücherei fest.“
„Humpf, du weißt genau worauf ich hinaus will,“ krächzte er laut.
Er hatte keine Angst das ihn jemand hören könnte und ich auch nicht. Die Gefahr war sehr gering, erst recht da die paar Leute die sich jetzt noch hier aufhielten wahrscheinlich eh alle Erwachsen waren und in meinem Ganzen Leben habe ich noch keinen Erwachsenen gesehen der noch bewusst Kontakt zu seinem Totem hatte.
So ist das bei den
meisten. Es gibt nicht mehr viele Kinder die sie noch sehen können, bei den meisten sagen die Erwachsenen das sie einen unsichtbaren Freund haben und das es mit der zeit vergehen würde, so ist es auch bei vielen.
Mit der Zeit schieben sie sie dann in ihr Unterbewusstsein und das ist dann alles was sie noch sind: Ein leises Stimmchen im Hinterkopf; ein Gewissen. Früher war das nicht so. Jeder hatte seinen Begleiter, von klein auf bis hin ins hohe Alter wurde ein Jeder von seinem Totem begleitet, sie haben ihren letzten Atemzug zusammen genommen.
Heute gibt es nur noch wenige die überhaupt das Privileg haben ihr Totem kennen zu lernen und noch wenigere die es Zeit ihres Lebens als steten Begleitet an ihrer Seite haben.
Ich habe dieses Glück, auch wenn er mir, wie in diesem Augenblick, ab und an ziemlich auf die Nerven geht.
Ich weis das er genau so neugierig ist wie ich es bin, das liebt in der Natur der Krähe. Wir teilen sehr viele Eigenschaften, doch irgendwie nur ganz selten im selben Moment. Wenn ich zum Beispiel neugierig bin und mir alles egal ist, dann ist er vernünftig und wiegt alles ab und sein Gerechtigkeitssinn kommt zu Tage, wenn er z.B. der Meinung ist das wir in die Privatsphäre von Jemanden eindringen, oder auch in einer Bibliothek den Schlüssel für die Toilette stibitzen um uns dann darin zu verschanzen bis diese schließlich geschlossen hat.
„Es geht uns ja auch gar nichts an“ er war immer noch dabei und wurde immer lauter in seinem Vortrag. Sicher war es nicht unbedingt meine Angelegenheit, aber mit dem Finden dieses Zettels wurde es zu meiner Angelegenheit, jedenfalls wenn es nach mit ginge. Es wurde genau so Neugierig als er
die Worte las, das habe ich gespürt und das kann er nicht vor mir verbergen, wir sind eins.
Es standen nur 4 Worte auf dem Zettel: Mehr erfährst du dann, und dann noch die Nummer eines Buches. Wir sind heute in allen anderen Büchereien gewesen, die es hier in der Stadt gibt, aber entweder stand nichts in dem Buch, oder es gab erst gar keines mir dieser Nummer. Hier aber wurden wir fündig, zumindest in dem Computer, denn während hier noch personal ist kommen wir leider nicht in den Besagten Bereich, da dieser nur für Befugte zugänglich ist.
Viele hätten diesen Zettel vielleicht einfach als wirre Notiz abgetan, aber ich Kelmo hatte gesehen wie er einem Mann aus der Tasche gefallen ist der kurz zuvor nur zwei Worte mit einem Anderen Mann austauschte und dann wieder seines Weges ging.
„Eigentlich hast du es dir ja selbst zuzuschreiben.“ Meinte ich und streckte meine Beine auf dem Boden vor mir aus, „du hast den Zettel ja erst entdeckt und in deiner Neugier darauf gedrängt das wir ihn uns ansehen.“
Jetzt war er still. Er wusste das ich recht hatte und ich erlaubte mir ein gewinnendes Lächeln.
Endlich hatte ich auch mal recht. Endlich war es mal seine Neugier die uns in eine solche Situation gebracht hatte. Meine Rolle darin ließ ich für den Moment einmal kurz außen vor.
Jetzt war es dunkel draußen, und ich warf noch einmal einen Blick auf die Uhr. 22.30 vor einer Stunde hatte die Bücherei geschlossen ich hoffte langsam waren die meisten Mitarbeiter raus, denn ich hatte keine Lust mehr hier ewig drinnen zu sitzen.
„Es dürfte jetzt schon spät genug seien, was meinst du?“
Kelmo, hatte seine Federn wieder etwas geglättet und hüpfte zur Tür, „Mach sie auf, ich dreh mal ne Runde uns sieh nach ob die Luft rein ist.“
Gesagt getan erhob ich mich auf meine müden Beine. Leise schloss ich die Tür auf und öffnete sie einen kleinen Spalt, groß genug für Kelmo um hindurch zu schlüpfen.
Leide erhob er sich in die Luft und durchquerte der dunklen Raum. Es dauerte nur wenige Minuten, ich hab das ein oder andere Mal auf meine Uhr gesehen, doch eigentlich waren es nur etwas mehr als fünf Minuten bis Kelmo wieder vor der Tür landete und mit seinem Schnabel dagegen klopfte. Von dem Lärm den er
verursachte wusste ich genau das sich niemand mehr hier befand.
„Komm schon, es ist keiner mehr da, nur ein alter Mann in Uniform der seine Zeitung liest.“
Na dann, lass uns mal losgehen.
Wir schlichen uns bis hin zu der Tür die uns von dem Buch trennte in der die Nachricht stehen musste. Ich zog an dem Türknauf und sie glitt ohne ein Geräusch von sich zu geben auf. Wieder hatte ich ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. „Hätte ja nicht gedacht das es auch wirklich klappt.“ „Tja Fernsehen macht hat doch nicht immer so dumm wie alle glauben“ gab Kelmo zurück bevor er in den Raum hineinflog.
Genauso geräuschlos wie die Tür aufging so leise fiel sie auch hinter uns ins Schloss, na ja, nicht wirklich, da ein gut platzierter Kaugummi dies verhinderte.
Gemeinsam durchforsteten wir die Regale und suchten die Nummer des Buches wegen dem wir die ganze Mühe erst auf uns genommen
haben. Und dann hatten wir es. Es war nicht wirklich ein altes, wertvolles Buch, oder ein ganz dickes in dem viele wichtige und bedeutende Dinge standen, nein es war ein einfaches Geschichtsbuch. Thilo Vogelsang – Das Geteilte Deutschland. „Besonders sieht es ja nicht aus“, krächzte Kelmo auf meiner Schulter auf das Buch hinab blickend.
„Es kommt ja auch drauf an was nun drinnen steht“ gab ich zurück und blätterte das Buch grob durch, in der Hoffnung es würde auffällig markiert sein.
Fehlanzeige, wäre ja auch sonst unsinnig gewesen. Als setzten wir uns. Seite eins: nichts. „Fang ganz vorn an“ „Na das mache ich doch“ „Nein ganz vorne“ also ging ich zwei Seiten
zurück, eine leere und einer mir den Verlägen und er hatte recht. Es waren zwei Ziffern mit einem Schwarten Fineliner nachgeschrieben worden, unauffällig wenn man wie jeder normale Mensch sich nicht das ganze klein gedruckte in einem Buch durchlas, ein Hinweis für den der danach suchte.
24 – Die Seitenzahl vielleicht? „Na los mach schon“ Kelmo hüpfte voller Anspannung von meiner Schulter auf den Tisch um näher an dem Buch sein zu können, dabei hatte er nun wirklich gute Augen. Ich blätterte also Seite für Seite dennoch darauf achtend nicht
noch einen Hinweis zu übersehen. Nichts, bis zur Seite 23 war nichts weiter auffällig gewesen.
Noch eine Seite. Ich blätterte sie langsam um, Kelmo konnte die Spannung nicht ertragen und half mit seinem Schnabel nach.
Und tatsächlich, dort waren Einzelne Buchstaben nachgeschrieben: U-N-D-D-A-M-I-T-I-S-T-E-S-G-E-S-C-H-A-F-F-T-D-E-R-L-E-T-Z-T-E-H-I-N-W-E-I-S-I-S-T-E-N-T-D-E-C-K-T
Ich war enttäuscht, ich las es noch einmal „Und damit ist es geschafft, der letzte Hinweis ist entdeckt“ Ich lehnte mich im Stuhl zurück. „Das war es also, alles für nichts.“ Gab mein Freund von sich und betrachtete die Seite genau ob ich nicht doch etwas übersehen hatte.
„Na ja, wir
haben den letzten Hinweis entdeckt. Immerhin“ meinte ich „schade nur das wir die anderen nicht auch kannten.“ „Ja das wäre bestimmt interessant gewesen.“ Jetzt musste ich lachen, „Und ich bin Neugierig?“ „Ja“ gab er zurück, „wir sind eins schon vergessen“
„Nein wie könnte ich“, ich stand auf und nahm das Buch um es wieder auf seinen Platz zu stellen. „Du erinnerst mich ja ständig dran. Lass uns nach hause gehen. Heute ist doch noch Familienabend. Die haben bestimmt schon ohne uns angefangen“ „Du hast recht lass uns heim gehen.“
Ich entfernte den Kaugummi, legte den Schlüssel unter den Tisch der Bibliothekarin, jetzt hatte ich ja keine Verwendung mehr dafür, und dann verschwanden wir durch das Fenster auf der Toilette.
Auf dem Weg nach Hause malten wir uns aus was es wohl alles für Hinweise gegeben haben mochte.
Zu Hause waren sie schon voll im Gange. Meine Familie war es gewohnt das ich mal zu spät kam, es gab eben immer Neues zu entdecken und das brauchte Zeit.
Sie saßen am Tisch und spielten Monopoly, Ben saß in seinem Laufstall und spielte mit sich selbst wie es schien, doch dann nahm er sein Auto und hielt es nach vorn, als ob er es jemanden reichen würde, nur das dort niemand zu sehen war, „Jedenfalls für uns“ meinte Kelmo der neben meiner Schwester saß und sich ein Spaß draus machte ihre fein sortierten Häuschen umzuschubsen. Niemanden den wir sehen können.
Mein Bruder hat seinen Begleiter also schon entdeckt.

Jessica Link
-Alle Rechte liegen bei der Autorin-

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