Sally Gardner: Ich, Coriander

Es kommt selten vor, dass ich das neue Buch eines meiner Lieblingsautoren bereit liegen habe und ein anderes Buch aus Neugier anlese und nicht mehr aus der Hand legen kann, bevor ich es beendet habe.

Mit Sally Gardners erstem Roman für Kinder „Ich, Coriander“ ist es mir so gegangen. Diese äußerst spannende Geschichte beginnt wie ein historischer Roman im London um 1643. Es ist die Zeit schwerer Thronstreitigkeiten. Aber die kleine Kaufmannstochter Coriander wächst davon unbehelligt auf. Das einzige, was sie ängstigt ist ein merkwürdiger Alligator im Schrank ihres Vaters und was sie ärgert ist, dass ihre Mutter ihr untersagt, ein Paar wundervolle goldene Schuhe anzuziehen, die eines morgens vor ihrer Haustür liegen. Doch als ihre Mutter stirbt und der Vater wegen politischem Verrat fliehen muss, findet Corianders Kindheit ein jähes Ende. Ihre Stiefmutter hat kein Verständnis und lässt sie arbeiten und der ins Haus gezogene Prediger verfolgt Coriander mit seinem Zorn. Schließlich wird sie gar in eine schwere Eichentruhe gesperrt.

Aus der Eichentruhe gerät sie unversehens in die Welt der Feen, die ihr viel mehr zu entsprechen scheint. Bei dem weisen und zauberkundigen Medlar fühlt Coriander sich endlich wieder zu Hause. Doch anstatt im Schloss des Feenkönigs Frieden zu finden, muss sie miterleben, wie der junge Prinz Tycho zur Hochzeit gezwungen werden soll. Nur eines kann ihn retten – wenn Coriander nach London zurück kehrt und den Feenschatten ihrer Mutter holt.

In London zurück findet Coriander Aufnahme und Hilfe bei einem Schneider, der mit ihrer Mutter befreundet war. Und auch ihre Stiefschwester stellt sich an ihre Seite. Trotzdem ist es für Coriander gefährlich, den Feenschatten zu holen, denn nicht nur ihre Stiefmutter und der Prediger bewachen ihn, sondern auch die böse Feenkönigin taucht auf einmal auf und will den mächtigen Schatten in ihre Gewalt bringen.

„Ich, Coriander“ knüpft an die besten englischen Erzähltraditionen an. Das Aufeinandertreffen von alter Welt mit Feenglauben und politischen Machtintrigen ums Königreich erinnert an die Artus-Morgane-Sagenkreise, die Schilderung der unbarmherzigen Stiefmutter und des Predigers greifen den Ton von an Charles Dickens auf, die schauerhaften Vorgänge in Corianders Haus lesen sich spannend wie Edgar Allan Poe und das Feenreich, in dem die Heldin so unvermutet landet, erinnert fast schon an den Zauberer von Oz.. Aus dem und vielem mehr webt die Autorin Sally Gardner aber ein ganz eigenes, stimmiges Bild.

„Ich, Coriander“ gehört zu den wunderbar gecoverten, bei cbj erschienenen Büchern und man wünscht sich, dass es zu dem Klassiker wird, der in ihm steckt und es eine illustrierte Neuauflage mit all den Bildern gibt, die in dieser poetischen Erzählung bereits angelegt sind.