Rudolf Müller: Materialien zur Frühbehandlung der Leseschwäche

Eine kleine, aber bemerkenswerte Begegnung auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse war für mich die Entdeckung des kaum bekannten Verlags v. Kloeden aus Berlin. Sofort ins Auge fielen seine – etwas widersprüchlichen – „Materialien zur Frühbehandlung der Leseschwäche, Trainingsstufe I“. Trainingsstufe I hier vermutlich weil ein großer Teil des Materials aus Fibelwörtern besteht, die auf Einzelwortebene spielerisch trainiert werden können. In der kleinen Anleitung zu dem auf festen Karton geblocktem Material plädiert der Autor richtig dafür, dass Kinder mit erschwertem Zugang zum Lesen möglichst frühzeitig gefördert werden müssen, damit ihre Wissenslücken nicht wachsen und vor allem ihre Lesemotivation nicht erlischt. Das Spiel in Gruppen zu 3-4 Kindern erscheint ihm dafür am geeignetsten, wenn es ein Lehrer oder Erzieher anleitet. Dementsprechend finden sich im Material auch Bastelvorlagen für ein Lesekarussel, ein Leselotto, Lesedomino, die sowohl für das Synthesetraining und das Speichertraining gut geeignet und aufgrund des Drucks auf Karton lange haltbar sind.

Einziger, aber für die Schulen und Therapieeinrichtungen deutlicher Nachteil ist die teilweise nicht normgerechte vorhandene Schulausgangsschrift. Teilweise deshalb, weil derzeit in Deutschland vier verschiedene Schulschriften üblich sind. Dieser Herausforderung kann sich ein kleiner unabhängiger Verlag leider nur schwer stellen. Ähnlich geht es ihm mit seinem Erstlesebuch „Kalle, Mücke, Otto und ich“, das leider nicht in der reformierten Rechtschreibung vorliegt, besonders auffällig ist das an der bei einigen Grundwörtern mit ehemaligen ß zu ss gewandelten Form. Dabei wird es jeden Lesedidaktiker freuen, wie geschickt der Textblock aufgebrochen ist, wie lange Wörter zunächst in Silben und in der Folgezeile als ganzes Wort präsentiert werden. Und Kinderliteraturfreunde werden die klare Sprache genießen. Wer Kinder kennt, weiß, dass sie in der Lage sind, sich im Alltag an Kleinigkeiten (wie den Zutaten zu einer Höhle) zu freuen. Um solche Kleinigkeiten geht es in den Geschichten, die einfach und  s/w illustriert sind. Zusätzlich werden im Bild Sprechblasen mit gebundener Schrift angeboten, so dass die Kinder beides trainieren können.

Wer einmal so bei dem Verlag geankert hat, wird auch entdecken, dass zu seinem Programm Autoren wie Alfred Wellm („Die Geschichte vom kleinen Wruck“), Benno Pludra („Wie die Windmühle zu den Wolken…“) und vor allem auch Janusz Korczaks („Wladek“) gehören. Also ein Verleger mit dem Herz auf dem richtigem Fleck und Literatur- und Traditionsbewusstsein.

Bleibt zu wünschen, dass die Materialien für die Schule aufbereitet werden können, damit sie wieder in größerem Maßstab einsetzbar sind.

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