Monika Niehaus: Der Nobelpreisträger, der im Wald einen höflichen Waschbär traf

Wer sich für Ausrutscher unseres wohl komplexesten Organs, dem Gehirn, interessiert, der ist bei Monika Niehaus richtig. Dr. Monika Niehaus ist studierte Biologin, arbeitet aber schon lange auch als Journalistin, naturwissenschaftliche Übersetzerin und freie Autorin. Mit Kollegen veröffentlichte sie Belletristik und Kurzgeschichten, aber auch den Vorgängerband zu diesem Buch „Die Frau, die ihren Mann für einen Doppelgänger hielt“. Weniger in seiner Erzählweise, sondern mehr durch das Sujet erinnert das vorliegende Buch an Oliver Sacks. Monika Niehaus aber berichtet über die Entgleitungen des menschlichen Gehirns eher in kurzem, sachlichen Stil. Nach einigen einleitende Worten zu den Krankheitsbildern eröffnet sie mit mehreren Fallgeschichten, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen und ihre Literaturkenntnis zeigen. Dazu passt auch der Ausblick ihrer Kapitel, in denen sie auf Literatur, Theater oder Film aufmerksam macht, in denen diese Krankheiten aufgegriffen werden.

Die meisten der beschriebenen Störungen sind – und das ist vielleicht besonders beunruhigend – nicht oder kaum genetisch bedingt. Sie werden tatsächlich durch äußere Einflüsse oder akute andere Erkrankungen ausgelöst. Das kann ein Sturz sein, ein Schlaganfall… und leider auch eine Ehrung, nach der der Geehrte offenbar „überschnappt“. Einige der beschriebenen Erkrankungen werden auch durch geografische Regionen befördert, bei anderen kann man über Hintergrund, Prädisposition oder Auslöser nur Vermutungen anstellen.

Die Autorin nähert sich den dargestellten Störungen sachlich respektvoll, saloppe Seitenhiebe treffen eher die vergeblich darüber brütenden Wissenschaftlicher, die mit vielen Worten umschreiben, dass sich keine verlässlichen Aussagen treffen lassen.

Fast schon spektakulär eröffnet Monika Niehaus ihr Sammelsurium der psychischen Störungen mit dem Alien-Abduction-Syndrom, mit Personen, die meinen, sie seien von Außeririschen entführt worden, welches übrigens auch nach Hypnosen auftreten kann. Während es hier deutlich absurd und krankhaft wirkt, nimmt Niehaus auch das Dorian-Gray-Syndrom auf, die Angst davor zu Altern, das einem aktuellen Schönheitswahn nachjagt. Sie erinnert an Michael Jackson und verweist auch auf die 46-jähige Cindy Jackson, die es mit 47 Schönheitsoperationen ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte.

Diese Fälle gehören zu den Spitzen der Eisberge, denn für viele Verhaltensweisen steht nicht von vornherein fest, ob sie noch normal“, eine kleine Marotte oder wirklich „psychisch krank“ sind, sondern es ist in den Anfängen auch eine Ermessenssache des Umfeldes. Dazu gehört auch, dass nicht bei jeder Zwangsstörung, jedem Rückzug von Amts wegen eingegriffen werden kann.

Monika Niehaus Buch ist Ende 2019 für 21,90 Euro bei Hirzel erschienen.

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