Jugendbuch

Markus Zusak: Wilde Hunde

Wer meint, ein Jugendroman über zwei Heranwachsende, die ihr Taschengeld mit Hundewetten und illegalen Boxkämpfen aufbessern, kann nicht viel Tiefe haben, der irrt sich gewaltig. Denn Markus Zusak hat bereits im „Joker“ und erst recht in der „Bücherdiebin“ gezeigt, dass er den einfachen Menschen in die Seele blicken kann. Dieser Blick findet sich auch in seinem neuesten, ebenfalls bei cbj erschienenen Roman „Wilde Hunde“.

Cameron Wolfe steht im Schatten seiner beiden älteren Brüder. Zu Beginn der Handlung zieht sein Bruder Steve aus. Er kann es nicht mehr ertragen zu sehen, wie sein Vater nach seinem Unfall Klinken putzen geht und abends trotzdem ohne Aufträge heimkehrt. Von seinem Sohn, dessen Karriere aufwärts geht, will er sich ebenso wenig unterstützen lassen wie zum Arbeitsamt zu gehen. Auch zu seinem nur zwei Jahre älteren Bruder Ruben schaut Cameron auf. Rubens Kampfkünste haben sich herumgesprochen und ein dubioser Trainer heuert Cam und Ruben für illegale Boxkämpfe an. Während Cam, der sich den symbolträchtigen Namen Underdog gibt, einstecken muss, fährt sein Bruder Sieg um Sieg und Mädchen um Mädchen ein.

Doch unversehens beginnt sich das Blatt zu wenden. Und das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Cameron seine Sprache findet. Cameron beginnt zu schreiben. Merkwürdige Texte sind es, in denen immer wieder das Bild eines surreal erscheinenden Hundes auftaucht, der den Erzähler begleitet und ihn fordert. Wirklich zur Geltung aber kommen Camerons Worte erst, als es ihm gelingt, die schöne Octavia für sich zu gewinnen.

Markus Zusak erzählt in „Wilde Hunde“ die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die – obwohl sie im Ring und in der Liebe – Konkurrenten sind, nicht ohne einander sein können. Zugleich ist „Wilde Hunde“ aber auch eine Art Entwicklungsroman über Cameron Wolfe, der sich zu Beginn der Erzählung als Versager empfindet und sogar von seinen Brüdern als solcher gesehen wird. Aber weil Cameron an seine Familie glaubt, findet er auch den Weg zu sich selbst und entdeckt, dass er auch eine besondere Fähigkeit hat: anders als andere aus seiner Familie kann er mit Worten umgehen. Seine Freundin glaubt so sehr an seine Texte, dass sie ihm eine alte Schreibmaschine kauft.

Markus Zusak lässt Cameron seine eigene Geschichte erzählen und findet dafür den atemlosen, unbedingten Sprachrhythmus der Jugendlichen. Er taucht tief ein in das Pathos der ersten Liebe und spielt vor allem mit dem Symbol des Hundes, das er auch schon im „Joker“ anklingen ließ. „Der Joker“, „Die Bücherdiebin“ und jetzt „Wilde Hunde“ erstaunen durch die Unterschiedlichkeit ihrer Themen, die ein junger Autor zu gestalten weiß. Sie leben vom Bekenntnis zur Menschlichkeit.