Bernd Gomeringer, Jessica Sanger, Ulrike Sünkel, Max Leutner, Gottfried Maria Barth (Hrsg.): Vögel im Kopf – Geschichten aus dem Leben erkrankter Jugendlicher

Die fünf Herausgeber Bernd Gomeringer, Jessica Sanger, Ulrike Sünkel, Max Leutner und Gottfried Maria Barth haben ein beeindruckendes Buch zusammengestellt, das einen Einblick in die Welt von psychisch erkrankten Jugendlichen, deren Eltern und Ärzten gibt. Sie haben Jugendliche, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen gestrandet sind, gebeten, ihren Weg dorthin aufzuschreiben. Es sind Jugendliche, die unter Ess-, Brech- und Magersucht oder Depressionen leiden, Suizidgedanken haben oder Zwangshandlungen ausführen müssen. Für viele war die stationäre Einrichtung in Tübingen die Endstation nach unzähligen anderen Versuchen, ihre Krankheit zu stoppen oder zu überwinden. Einige versuchten der Einweisung zu entgehen, andere sahen in die KJP Tübingen eine letzte echte Chance. Bei allen wird deutlich, dass eine psychische Erkrankung nicht nur sie selbst trifft, sondern das ganze Familiensystem. Manchmal sind es die Eltern, die versuchen, das „Stigma“, das die Familie getroffen hat, zu leugnen. Manchmal berichten Geschwister wie sie drohen zu kurz zu kommen. Und immer wieder berichten die meist jugendlichen Mädchen von ihrer engen Beziehung zur Krankheit, z.B. indem sie die Anorexie liebevoll Ana nennen, die den Trugschluss erzeugt, ihnen alles zu geben, was das Leben ihnen vorenthält.  Hinter jeder Erkrankung, hinter jedem Text, hinter jedem Gefühl – so spürt man beim Lesen – steht ein Mensch, dessen Gefühle gar nicht so weit von denen der sogenannten Gesunden entfernt sind. Es könnte jeden treffen, hat man das Gefühl. Und wenn das Buch das erreicht hat, dann hat es schon viel dafür getan, dass über psychische Erkrankungen nicht mehr ein „tabu“ gelegt wird. Allerdings sind es meist die wieder Genesenen, die man hier liest. Wer mitten in der Krise steckt, hat zumeist nicht die Kraft oder den Willen über sich Auskunft zu geben. Aber gerade die Geheilten zeigen auch, wie wichtig ihnen Mitpatienten und Pfleger waren, die sie, als sie „unausstehlich“ waren, trotz allem gehalten und getragen haben. Manchmal waren dazu harte Maßnahmen erforderlich wie z.B. das Fixieren. Aber nur so konnten die Patienten am Leben bleiben.  316 Seiten pralles Leben, das für eine Zeitlang an den Rand der Gesellschaft gedrängt und durch die Texte im Buch wieder hereingeholt wurde. Viele der Betroffenen versäumen im Nachhinein keinen Tag der offenen Tür, keine Gelegenheit „ihre“ KJP Tübingen wieder zu besuchen. Das spricht für deren Konzept und vor allem für das Team aus Pflegern und Ärzten.

Das Buch (ISBN: 978-3-7776-2885-1)  ist bei Hirzel erschienen und kostet 24,00 Euro.

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