Helga Schütz: Heimliche Reisen

Helga Schütz ist eine der großen alten Damen der ehemaligen DDR-Literatur. Immer ein wenig verschwiegen, immer ein bisschen mehr unter dem Deckmantel der DEFA als Szenaristin, aber von ihrer Leserschaft für „Knietief im Paradies“ oder „Sepia“ geschätzt. In „Heimliche Reisen“ blickt sie auf ihr Leben zurück. Und dennoch steht das Buch unter dem Motto: „Ich bin´s nicht, wir alle sind den Räumen des Textes erfundene Figuren.“ Die Erzählzeit setzt kurz nach der Wende ein, wo die Erzählerin einem kindlichen Ausreißer in der S-Bahn begegnet. Als sie seine Mutter, die angeblich Alexanderplatz arbeitet, suchen will, ist er schon verschwunden. Überhaupt sind es immer wieder die Kinder, die der Erzählerin einfallen und ihr Erzählen beleben. Wohl auch, weil ihre eigene Tochter Claudia mit 12 Jahren an einer Hirnhautentzündung stirbt. Wie Helga Schütz sich selbst als berufstätige Mutter dabei erlebt, gehört zu den leisen bestimmenden Passagen des Buches, die den Ton angeben. Viele ehemalige DDR-Bürger werden sich auch an ähnliche Erlebnisse wie sie Helga Schütz beim Bau ihres Hauses bei Potsdam oder die Einholung der Genehmigung einer Reise nach Rom beschreibt erinnern, und dabei schmunzeln. Und die Tierfreunde werden mit ihr reiten und die Katze bedauern, die sich am Grenzstacheldraht ein Auge verletzte.

Es ist ein Buch der leisen Töne, in dem man der Bedeutung der Episoden manchmal nachspüren muss, nicht zuletzt dadurch, weil sich Vergangenheit und Gegenwart ständig mischen. Das bestimmt aber auch den besonderen Zauber von Helga Schütz‘ Erzählen. „Heimliche Reisen“ (ISBN: 3-978-3-351-03892-2) ist 2021 im Aufbau-Verlag für 24,00 Euro erschienen und auch als ebook erhältlich.

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