Gerolf Coudenhove: Japanische Jahreszeiten – Tanka und Haiku aus 13 Jahrhunderten

Egal ob man sich für Japan begeistert oder Lyrik-Freund ist, man kommt um Haiku und Tanka nicht herum. Deshalb ist auch das seit 2015 neu vorliegende Buch des Manesse-Verlags ein Standardwerk, um das kein Gedichtfreund herum kommt.

Haiku sind in Deutschland inzwischen weit verbreitet. Es handelt sich um japanische Kurzgedichte, die vielleicht ähnlich dem Impressionismus einen Augenblick in der Natur festzuhalten versuchen. Lange Zeit hat man versucht, dabei auch eine japanische Rhythmik einzuhalten, die festgeschrieben wurde mit 5 Silben in der ersten, 7 Silben in der zweiten und 5 Silben in der dritten Zeile. Aber das scheint inzwischen überholt. So leicht lässt sich das Japanische nicht ins Deutsche übersetzen, das ja zudem in lange und kurze Vokale unterscheidet. In den Übersetzungen der japanischen Dichter vom 7. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gibt Gerolf Coudenhove Haiku dennoch in traditioneller Form wieder. „Ach, er wird gefällt!/ Und die Vöglein bauen ja/ihre Nester noch!“ (Issa) oder „Wie die Nacht verrinnt -/Auf des Reisfelds Wasser blinkt/hell der Himmelsfluss.“(Izen).

Anders als viele andere Haiku-Sammlungen aber mischt er die Haiku mit dem Tanka, aus dem das Haiku eigentlich hervorgegangen ist. Dem Tanka ist noch der sogenannte Unterstollen, zwei Zeilen mit jeweils 7 Silben beigefügt. Man könnte auch formulieren, das Haiku ist ein stark verdichteter Tanka. Trotzdem ist es schade, dass sich das Haiku in Deutschland so großer Beliebtheit erfreut, aber der Tanka in vielen Veröffentlichungen außen vor gelassen wird. In Gerolf Coudenhoves Sammlung dagegen kann man nachlesen, z:B. „Als im Frühling ich / abends in das stille Dorf / in den Bergen kam, / klang der Abendglocken Ton, / fielen Kirschblüten dicht.“ (No-in)

Ebenfalls bereichernd: Neujahr wird im Japanischen als eigene Jahreszeit gesehen. Dem ist auch die Gliederung des Büchleins gefolgt.

Man hat häufig dem Haiku unterstellt, es würde dem Ich des Dichters keinen Raum geben. Das ist hier nicht so. „Ach, ein alter Mann / bin ich schon in diesem Herbst, / Wolken; Vogelflug -„(Basho) oder „Auch in diesem Jahr / hab´ ich´s wiederum erlebt, / wie die Kirschen blühn – / Es ist doch ein rechtes Glück / lebend auf der Welt zu sein.“ (Motoori Norinaga).

Gerolf Coudenhove hat seine Sammlung mit einigen literaturhistorischen und -theoretischen Grundlagen zum Haiku abgerundet, die im Anhang beigefügt sind. Ebenso hat er sich die Freiheit genommen, ausgewählte Haiku zu kommentieren, wenn das Sprachbild sich im Deutschen nicht in voller Tiefe erschließt.

Der Manesse Verlag hat Coudenhoves Buch als bibliophile Kostbarkeit herausgegeben: gedruckt auf glattem, angenehm gefärbten Papier, mit leuchtend rotem Lesebändchen und edel gestaltetem Einband und Schutzumschlag und mit 90 s/w Tuschzeichnungen. Für 24,95 Euro ist es im Handel erhältlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × drei =