Belletristik

Elisabeth Herrmann: Zeugin der Toten

Für den leichten Plot ist diese Autorin nicht zu haben, umso mehr für eine hintergründige Figurengestaltung. Elisabeth Herrmanns neuer Krimi lässt wieder die Kindheit zum Aufreger werden. Die Hauptheldin Judith Kepler, bald vierzig, arbeitet in einer Reinigungsfirma. Oft ist sie die einzige aus der ganzen Truppe, der die schaurigsten Aufträge als Cleanerin von Tatorten zugemutet werden können. Sie wuchs im Kinderheim auf, war drogensüchtig und ist seit zwei Jahren trocken, als sie einen Tatort reinigen soll, der sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Die Tote war wie sie selbst im Kinderheim Juri Gagarin in Sassnitz. Wer hat sie warum so bestialisch ermordet? Und was hat das mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun?

Als Judith die Geheimnisse der Vergangenheit lüften will, stößt sie auf brisante Vorgänge, die bis in die Gegenwart reichen. Einige Jahre vor dem Ende der DDR, will ein Paar mit einem Kind die Seiten wechseln und im Westen ein neues Leben beginnen. Das ist für Mikrofilme der Stasi zu haben, die so genannten Rosenholz-Dateien, die die Namen aller im Westen für die Stasi tätigen Agenten enthalten. Doch der Deal missglückt. Waren der BND und das CIA zu naiv? Welche Rolle spielte der Agent Lindner, der Liebhaber von Judiths Mutter?

Judith allein kann den Schleier nicht von ihrer Geschichte ziehen. Sie braucht die Hilfe des Ex-Agenten und Publizisten Quirin Keyserlei. Doch die Nähe zu ihm bringt ihr abgeklärtes Gefühlsleben durcheinander, zumal er nicht aufdecken will, welches Interesse er mit der Aufklärung der Vergangenheit verfolgt.

Elisabeth Herrmann, selbst Reporterin u.a. für die Berliner Abendschau, hat wieder einen ebenso spannenden wie aktuellen Thriller geschrieben, der dem „Kindermädchen“ nahe kommt und in dem sie von ihrem Beruf profitiert.

„Zeugin der Toten“ (ISBN 978-3-471-35037-9) ist, wie schon „Die letzte Instanz“ von Elisabeth Herrmann, im List-Verlag für 19,99 Euro erschienen.