Bernd Siggelkow / Wolfgang Büscher: Deutschlands vergessene Kinder

In Deutschland zeigt sich Kinderarmut nicht in Lumpen oder dürren bettelnden Händen. In Deutschland leben über 2 Millionen Kinder unterhalb der Armutsgrenze, doch in Deutschland zeigt sich Kinderarmut auf den ersten Blick überhaupt nicht. Sie ist weggesperrt, meist in anonymen Wohnblocks, hinter Wohnungstüren, die manchmal etwas verstecken, das mehr einer Müllhalde als einer Wohnung gleicht. In Deutschland wächst Kinderarmut aus mangelnder Perspektive für junge Eltern, allein erziehende Mütter oder unverstandene Jugendliche. Wenn es gut geht, haben Sozialarbeiter Zugang zu solchen Familien. In vielen Fällen aber sind bürokratische Hürden zu hoch oder haben es Familien über Jahre gelernt, sich beschämt zu verstecken. Vor allem diesen Familien wendet sich seit Jahren in Berlin und Hamburg Pfarrer Siggelkow mit seinem Arche-Projekt zu. Was als unbürokratische Suppenküche für Kinder begonnen hat, ist inzwischen zu einer ersten unabhängigen Schule und zu Betreuung am Nachmittag geworden. Neben vielen Fernsehberichten ist jetzt das Buch „Deutschlands vergessene Kinder – Hoffnungsgeschichten aus der Arche“ bei Gerth-Medien als gedruckte Ausgabe und als Hörbuch erschienen. Hauptantriebskraft scheint für Siggelkow wie sein Team die Maxime zu sein: Wer uneigennützig selbst Hilfe erfahren konnte, gibt sie auch an andere weiter. So zeigt es zum Beispiel die kleine Geschichte über die Mitarbeiterin Britt, der das Arche-Team zum Mittagessen verholfen hat und die inzwischen als Mitarbeiterin auf 400-Euro-Basis anderen hilft. Siggelkows Vertrauen in die Richtigkeit seiner Lebensaufgabe, Kinder und ihre Familien aufzufangen, spricht aus jedem Kapitel des Buches. Damit verbunden bleiben auch Hinweise nicht aus, dass weitere Unterstützer nötig sind. Hier würde man sich ein wenig mehr Deutlichkeit wünschen, auch wenn in den Gebieten, in denen die Arche tätig ist, es sich wie ein Lauffeuer herumspricht, dass sie Hilfe gewährt. Die kurzen, gut lesbaren Geschichten zu Einzelschicksalen sind wenig erzählerisch ausgearbeitet, wirken trotz erzählerischem Gestus mehr dokumentarisch. Die Titel wie „Neue Hoffnung“, „Zukunft für junge Leute“ oder „Kein hoffnungsloser Fall“ zeigen schon das Programmatische des Bandes. Der Mittelteil des Buches wird durch Fotos ergänzt, die einen Einblick in den Alltag gewähren oder prominente Unterstützer bei ihren Aktionen für die Arche zeigen. „Deutschlands vergessene Kinder“ ist vor allem ein Buch für Leser, die sich dem Thema Kinderarmut noch recht unbedarft nähern. Fachleuten vermittelt es kaum neue Impulse. Im Gegensatz zu manchen umstrittenen und verfälschenden Fernseh-Aktionen um die Arche dürfte das Buch oder das Hörbuch, von dessen Preis 1 Euro direkt an das Projekt geht, einen besseren Beitrag leisten, Kinderarmut abzubauen.