Mario Schlembach: heute graben

Der Roman, den Mario Schlembach vorlegt, könnte vermutlich  auch heißen „heute schreiben“. Der Ich-Erzähler, ist Totengräber und versucht in den freien Zeiten, seine erste große Liebe  A. schreibend aufzuarbeiten. Sein Herz scheint in den luftleeren Raum zu schlagen. Er sieht A. überall und nirgends, weshalb er auch die vielen anderen Frauenbekanntschaften sucht, mit denen er das Alphabet durchgeht. Etwa zeitgleich wird bei ihm dieselbe Lungenkrankheit, Sarkoidose, wie bei Thomas Bernhard festgestellt. Er muss nun sich mit einer Cortisontherapie auseinandersetzen, die sein Schreiben zusätzlich befeuert.

Mario Schlembachs  autofiktionaler Roman fesselt durch die kurzen Abschnitte, in die er seine Gedanken gliedert. An manchen Sätzen bleibt man hängen wie an „Wie schreiben, wenn die Worte mein Leben sind und ich im Inneren der Geschichte gefangen bin?“ Der Ich-Erzähler muss bei einem Treffen mit einem Literaturagenten feststellen, dass der Markt mit Liebesgeschichten übersättigt ist. Der Agent sagt ihm, dass eine weitere Liebesgeschichte nur interessieren würde, wenn mit ihm als Menschen was geschehe. Als er erfährt, dass der Autor als Totengräber arbeitet, wittert er Hoffnung. Der Erzähler stellt immerhin fest, dass „graben“ mit „schreiben“ viel gemeinsam hat. Nicht zuletzt, weil beim Schreiben Schicht für Schicht vom innersten Kern freigelegt wird.

Es ist ein Roman ohne das übliche Happy End. Manche Dinge kann eben auch die Literatur nicht retten. Aber immerhin ist es ein Roman geworden, den man gern auch ein zweites Mal lesen kann. Da die Handlung nicht fest gefügt ist, vielleicht auch nur auszugsweise der angenehmen Erzählstimme folgend.

Mario Schlembach, geb. 1985, ist aufgewachsen als Bauernsohn neben dem Lagerfriedhof Sommerein. Er hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien studiert und absolvierte die Schule von Friedl Kubelka.

„heute graben“ (ISBN: 978-3-218-01295-9) ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen und kostet 20,00 Euro.

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