Der neue Jugendroman von Jürgen Seidel, der sich dem Alltag im Dritten Reich zuwendet, wurde wie aufgrund des Themas zu erwarten, gleich nach seinem Erscheinen äußerst kontrovers diskutiert. Die „Süddeutsche“ und die „Welt“ zerrissen ihn, wohl vor allem wegen der tatsächlich etwas unglücklich angelegten Vater-Tochter-Geschichte. Aber gerade Jugendbuchrezensenten oder –portale wie lizzynet.de oder der BuchMarkt zeigten sich beeindruckt.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei jugendliche Helden, deren Leben sich nicht unterschiedlicher entwickeln kann: Da ist zum einen das „Glückskind“ Reni, die nach dem Tod ihrer Tante scheinbar als Waise im Haus Ulmengrund aufwächst. Besonders hingezogen fühlt sie sich wie alle Kinder zu der jungen, humanistischen Erzieherin Frl. Knesebeck, die sachte versucht, die Kinder zum eigenen Denken anzuregen und die ihr ein wertvolles Buch über Albert Schweizer borgt. Reni kann sich nichts Besseres vorstellen, also sein Schaffen zu unterstützen. Neben dem Führer ist er für sie „der gute Held“ schlechthin. Das Reni zwischen Albert Schweizer und dem Führer keinen Unterschied sieht, dass sie später sogar glaubt, sie könne den Führer um Unterstützung für Albert Schweizers Wirken bitten, zeigt, wie naiv sie 1936 ist. Denn zu dieser Zeit, in der der Alltag noch eine Maske trägt, handelt das Buch. Diese Naivität unterscheidet Reni auch in jedem Fall von den jugendlichen Lesern des Buches schlechthin. Sie haben der Heldin einen Wissensvorsprung voraus, der die Spannung beim Lesen ausmacht. Wie sich herausstellt, ist Reni die Tochter des Grafen Haardt, der Haus Ulmengrund finanziell unterstützt und sich nun zu seiner wunderschönen Tochter bekennt, denn er erhofft sich durch Sie, politisch einflussreiche Kreise erschließen zu können. In ihrem Glück, den Vater wiedergefunden zu haben, merkt Reni nicht, wie sie von ihm manipuliert wird.

Auf der anderen Seite steht der Knecht Jockel vom Schömerhof in unmittelbarer Nähe des Hauses Ulmengrund. Auch er ist von Renis Schönheit beeindruckt und beginnt ihre Nähe zu suchen. Da allerdings geschieht ein Unglück. Im Streit verletzt er den Knecht Hannes tödlich und muss fliehen. Das bedeutet auch, dass sich sein Traum, Flieger fürs deutsche Volk zu werden, nicht erfüllen wird. Mit Unterstützung von Frl. Knesebeck und einem wohlgesonnenen Arzt begegnet er noch einmal Reni und kann ihr seine Liebe gestehen und findet eine neue Perspektive als Matrose.

Renis Vater verbietet seiner Tochter ausdrücklich den Umgang mit ihm. Das ist die Stelle, an der Reni hellhörig wird. Aber noch gelingt es ihr nicht, eigene Entscheidungen zu treffen. Auf einmal fehlen gerade ihr Menschen wie Frl. Knesebeck, an denen sie sich ausrichten kann. Denn auch darauf weist das Buch hin, wenn vielleicht auch etwas zu leise: Wer den Führer nicht vorbehaltlos und lautstark unterstützt, wird abgedrängt, wenn ihm nicht gar Schlimmeres geschieht.

Jürgen Seidel schlägt bereits auf den ersten Seiten das Thema der Verführbarkeit Jugendlicher an ohne diese Generation zu verurteilen. Nur deshalb ist es aber auch möglich, dass jugendliche Leser von heute, dieser Generation nahe kommen und sich fragen, wie sie an deren Stelle gehandelt, gefühlt und gedacht hätten. Der Autor begrenzt die Handlungszeit und richtet sein Augenmerk auf die Monate im Sommer 1936, die durch die Olympischen Spiele in Berlin bestimmt wurden. Reni soll dem Führer während der Eröffnung der Spiele einen Blumenstrauß überreichen dürfen. Sie ist das Glückkind des Romans. Ist sie es wirklich?, fragt sie sich leise, als sie im Anschluss daran, ausgewählt wird, bei Gräfin Dirksen im Salon zu den Mädchenblüten zu zählen. Eine ehrliche Antwort fällt ihr schwer, vielleicht genauso schwer wie den Jugendlichen, die dieses Buch lesen und vielleicht zum ersten Mal die Möglichkeit haben, die anbrechende NS-Zeit aus der alltäglichen Sicht Jugendlicher zu sehen.