Belletristik

Jürgen Kunz: Hirnfusseln viergeteilt

Mit „Hirnfusseln viergeteilt, Sammlung progressiv-nihilistischer Dichtung“ legt Jürgen Kunz sein zweites Buch vor, diesmal aus dem fhl-Verlag Leipzig. Kunz, künstlerisches Multitalent der bodenständigen Leipziger Kleinkunstszene, beschert uns damit wohlgezielte Gedankenlyrik. Diese erfährt eine zusätzliche ästhetische Dimension durch die ebenfalls treffsichere schwarz-weiße Schrift- und Symbolgrafik von Jochen Ende. Ein kooperativer Glücksfall! Eine derart gestaltete, z.T. poesiefreie Gedankenlyrik – wenn man denn den engeren Begriff Lyrik hier überhaupt benutzen kann – findet nicht auf der Bühne statt, nicht als auch technisch-akustisch zu präsentierender Prosatext und auch nicht als Sequenzen einer Lesung, die sich der Fütterung eines Ohr- und Seelenwürmchen befleißigt. Sie kann einzig auf den Seiten eines Buches wirklich zu Hause sein.

Solche „Gedächte“ – die Bezeichnung seiner Formate ist uns vom Autor vorgegeben – frappieren den ausreichend neugierigen Zeitgeistskeptiker und Hintergrundlacher als Leser sehr, nehmen wir beispielsweise drei der Kurzaussagen des Autors: „Seid voller Zuversicht, denn besser wird es nicht“ (S.20), „Wer dir´s heute kann besorgen, den verschiebe nicht auf morgen“ (S.68), „Nymphomanen sollten Melker werden, und Kleptomanen heilt man auf dem Russenklo“ (S.77). Überhaupt sind die den vier „Teilen“ (elitärer, populärer, ordinärer, stationärer) jeweils zugeordneten „Sprichwörter“ auch Kürzesttexte, von denen die meisten all den Parametern genügen, die einen guten Aphorismus ausmachen (Lebensweisheit, sprachlich exakte Kompression, /eine den Musiker verratende/ Rhythmik u.a.). Hier wie auch in anderen Texten wie zum Beispiel in der „Erkenntnis I.“ lugt der Philosoph um die Ecke.

Auch als Kenner der Urogenitalsprache wirft der Autor ungeniert nicht nur einen abgeklärt-lüsternen Blick auf das Geschehen, über den „ordinären Teil“ hinaus. Die Gefahr, von Moralästhetikern und Ausdrucksmimosen als sexistisch ausgelegt zu werden, besteht durchaus.

Dem unbedarften Leser oder dem Leser, der das Buch beiläufig in die Hand bekommt und mit den vielgestaltigen, auch neuartigen Darstellungsmustern wenig anzufangen weiß, werden zunächst solche Epitheta in den Sinn kommen wie irritierend, sarkastisch, bizarr, abstrus, unangepasst. Ist dieser Leser literarisch interessiert und belesen, wird ihm ebenfalls in den Sinn kommen, dass die Hälfte aller Poeten zu ihrer Zeit der Manieriertheit bezichtigt wurde. Hat man sich dann eingelesen, wird man neugierig, bis sich per Detail emotionales und erkenntnisbasiertes Wohlgefallen einstellt: durch die Striktheit der Gedankenführung, durch die Omnipräsenz des Herzschlags aller Künste, des Rhythmus, durch den köstlichen Unterhaltungswert solcher Texte wie „Nieselregen“, „Schmelz-Wassermusik“, „Der Reiz“, „So ist das eben“, „Gelacht“ usw. – der wohl besonders das Progressive des Nihilisten ausmacht. Des Autors „Modern-Talking“ (S.59) wünsche ich mir als Glosse in die Kritik-Ecke einer deutschen Sprachpflegezeitschrift. Humor, an dessen Hintergründigkeit man sich weiden kann!