Gaby und Lisa Guzek: Suchtrisiko ADHS – Wenn das Gehirn nicht anders kann
ADHS wird häufig mit Konzentrationsproblemen, Impulsivität oder innerer Unruhe verbunden. Dass die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung jedoch auch mit einem erhöhten Risiko für Suchterkrankungen einhergehen kann, ist weit weniger bekannt. Genau diesem Zusammenhang widmen sich Gaby und Lisa Guzek in ihrem Sachbuch „Suchtrisiko ADHS – Wenn das Gehirn nicht anders kann“.
Die Autorinnen-Paar sind Mutter und Tochter. Lisa bekam ihre ADHS-Diagnose erst mit 26 Jahren, als sie ihre Schauspielausbildung abgeschlossen hatte. Inzwischen studiert sie Psychologie. Ihre Mutter arbeitet als Journalistin für Wissenschaft, ihr Spezialgebiet sind häufig medizinische Themen. Sie erklären zunächst, was im ADHS-Gehirn anders funktioniert und welche Rolle insbesondere Botenstoffe wie Dopamin und Noradrenalin spielen. Dadurch wird nachvollziehbar, weshalb Menschen mit ADHS besonders empfänglich für Reize sein können, die schnell Belohnung, Entspannung oder intensive Stimulation versprechen. Dabei beschränken sich Gaby und Lisa Guzek keineswegs auf Alkohol oder illegale Drogen. Auch Nikotin, Medikamente, Gaming, Smartphone und andere Verhaltensweisen werden in den Blick genommen.
Eine der Stärken des Buches liegt für mich darin, dass es Sucht nicht moralisch bewertet. Statt vorschnell mangelnde Disziplin oder Willensschwäche zu unterstellen, fragen die Autorinnen danach, warum ein bestimmtes Verhalten für ein ADHS-Gehirn so attraktiv sein kann. Diese Perspektive ermöglicht ein anderes Verständnis von Abhängigkeit – ohne dabei deren Gefahren zu verharmlosen.
Überzeugend ist außerdem die Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und verständlicher Sprache. Neurobiologische Vorgänge werden so erklärt, dass man ihnen auch ohne medizinische oder psychologische Vorkenntnisse folgen kann. Gaby Guzeks Erfahrung als Wissenschafts- und Medizinjournalistin und Lisa Guzeks persönliche Beschäftigung mit ADHS ergänzen sich dabei ausgesprochen gut.
Besonders interessant fand ich die Frage, ob manche Formen des Konsums zunächst eine Art Selbstmedikation darstellen: Betroffene versuchen unbewusst, Unruhe zu dämpfen, sich besser zu konzentrieren oder einen als unangenehm empfundenen inneren Zustand zu verändern. Gerade dadurch kann jedoch ein Kreislauf entstehen, aus dem später nur schwer herauszufinden ist.
Das Buch bleibt erfreulicherweise nicht bei der Beschreibung der Risiken stehen. Es beschäftigt sich ebenso mit Prävention und Behandlung und fragt, welche Hilfen Menschen mit ADHS tatsächlich benötigen. Ein eigener Ratgeberteil richtet den Blick auf Kinder mit ADHS und damit auf die wichtige Frage, was Eltern frühzeitig tun können, um problematischen Entwicklungen vorzubeugen.
Gelegentlich wirken die Aussagen über den Zusammenhang zwischen ADHS und Sucht recht zugespitzt. Gerade bei einem Thema, bei dem individuelle Lebensgeschichten, psychische Begleiterkrankungen und soziale Faktoren eine große Rolle spielen, hätte ich mir an manchen Stellen noch etwas mehr Differenzierung gewünscht. Dennoch gelingt es dem Buch, einen bislang vergleichsweise wenig beachteten Zusammenhang eindrücklich ins Bewusstsein zu rücken.
Besonders lesenswert ist das Buch für Betroffene und Angehörige, aber auch für Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Menschen, die beruflich mit ADHS zu tun haben. Es ist stellenweise aufgelockert durch humorvolle Grafiken. Nach der Lektüre versteht man besser, weshalb der Satz im Untertitel so treffend gewählt ist: Manchmal kann das Gehirn tatsächlich nicht einfach „anders“ – aber wer die Zusammenhänge kennt, kann lernen, anders damit umzugehen.
„Suchtrisiko ADHS“ (ISBN: 978-3-453-60736-1) ist im Heyne Taschenbuch-Verlag erschienen und kostet erfreulicherweise immer noch 14 Euro.
