Belletristik

Blaise Cendrars: Die rote Lilie

Vor einigen Monaten erschien auf Schreibfeder.de eine Rezension über Erich Maria Remarques Klassiker „Im Westen nichts Neues“. Impressionen von der anderen Seite der Front des Ersten Weltkriegs liefert ein 1946 erstmals publizierter Roman von Blaise Cendrars. „Die rote Lilie“, so der deutsche Titel, ist das zweite Buch einer vierbändigen Reihe autobiografischer, Cendrars’ intensives Leben reflektierender Romane, die zwischen 1945 und 1949 erschienen.

Der gebürtig aus der Schweiz stammende Wahlfranzose Cendrars meldet sich 1914 freiwillig bei der Fremdenlegion, um aus Idealismus die Kulturnation Frankreich gegen den deutschen Feind, die verhassten „Boches“ zu verteidigen. Seine Kompanie erweist sich als zusammengewürfelte Truppe, der der bürokratische Apparat der französischen Armee fast genauso zu schaffen macht wie die technische und organisatorische Überlegenheit der deutschen Invasoren.

Cendrars schildert schonungslos die chaotische, oft ausweglos scheinende Situation in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern der ersten Kriegsmonate. Ohne jemals den Krieg zu verklären, denn „der Beruf des Soldaten ist ein abscheuliches Handwerk und voller Narben wie die Poesie“, wie es im Roman heißt. Was eben keine Aufwertung des brutalen Kriegshandwerks bedeutet, indem es der Dichtkunst gleichgesetzt würde, sondern Cendrars’ Grundverständnis von Schreiben und Literatur darlegt: Literatur ist gleich Leben ist gleich Narben, Niederlagen, Sinnlosigkeit.

Dagegen ist die „Kriegskunst […] Sache der Kommissköpfe. Eine schweinische Routine. Marschiere oder krepiere. / Und wir marschierten. / Und wir krepierten.“ Der einfache Soldat glaubt nicht „an die Slogans der Strategen“, er ist nur ein „darin verwickelter Befehlsempfänger“, „eine Kennnummer inmitten Millionen anderer“. Muss er nicht kämpfen, plagen ihn meistens Heimweh und „Cafard“.

Für Blaise Cendrars war der Krieg 1915 vorbei, nachdem er seinen rechten Arm verlor. Auf dieses Ereignis wird nur in dem kurzen, dem Buch seinen Titel gebenden Kapitel „Die rote Lilie“ (französischer Originaltitel: La Main coupée) in einer Art surrealistischer Vision eingegangen: In einem vergleichsweise idyllischen Ort, in einiger Entfernung zur Front und den Stellungen der Boches fällt ein abgerissener Arm vom Himmel, ein blutüberströmter, menschlicher Arm landet im Gras, es gibt keine Erklärung.

Im Kontrast zu dieser fiebertraumartigen Episode handelt es sich bei dem Roman weitgehend um einen realistischen Erlebnisbericht mit wechselnden chronologischen Perspektiven.

Diese deutschsprachige Erstausgabe von La Main coupée erschien 2002 im Lenos Verlag, Basel.