In dem schlanken Buch DIE KUNST SICH SELBST AUSZUHALTEN beschreibt Michael Bordt (= B.), Professor und Leiter des Instituts für Philosophie und Leadership an der Hochschule für Philosophie in München, eine nicht gerade leichten, aber gangbaren Weg, der den Menschen zur ‚inneren Freiheit´ und damit zu einem selbstbestimmten Leben führen kann. Die Hürden auf diesem Weg sind, und das macht B. gleich zu Beginn des in acht Abschnitte untergliederten Werkes deutlich, nicht so sehr in den äußeren Umständen, in denen wir uns faktisch wiederfinden, zu suchen, als vielmehr in uns selbst. So erschwere uns nicht nur unser gewohntes Handeln, das weitgehend auf das Außen fokussiert bleibe, den Weg zur ‚inneren Freiheit´, sondern auch und gerade unsere Unfähigkeit alleine zu sein, was im zweiten Kapitel mit der ´Angst vor der Einsamkeit´ angesprochen wird. Innerlich frei zu werden erfordere eine gewisse Entschlossenheit, Kraft und Mut, da die Besinnung auf das ´Innenleben´, die einen Richtungswechsel des Blickes von außen nach innen mit sich bringe, vereinzele, was zur angesprochenen Angst führe. Die Kunst ist es nun, so B., diese Situation, so unbequem sie auch im ersten Moment sein mag, auszuhalten, und den eingeschlagenen Weg, d.h. den Fokus auf das ´Innenleben´ beizubehalten. Dass dies nicht gerade leicht ist, macht B. unter anderem daran fest, dass wir in einer Kultur leben, die Aktivität, Arbeit und Leistung, nicht aber die Beschäftigung mit sich selbst sowie die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit zu etwas wertvollem erklärt.

Mit dem Sprechen von ´innerer Freiheit´ müsse, und das wird im dritten Kapitel deutlich, die Rolle des passiven und unfreien Opfers aufgegeben werden. Denn als Opfer verschieben wir laut B. die innerlich erlittenen Spannungen auf die äußeren Umstände, an denen wir in der Folge arbeiten. Mit dieser Strategie und dem Operieren im Außen sind wir im Alltag bestens vertraut. Das defekte und nicht mehr funktionstüchtige Auto, das B. als Beispiel nimmt, bringen wir eben in die Werkstatt, die dann den Fehler – für uns – aufspüren und beheben kann. Ganz ähnlich verhalten wir uns, wenn wir eine persönlichen Krise, die durchaus fruchtbar sein kann, durch die Einnahme von Medikamenten oder Drogen zu beseitigen versuchen, anstatt sie schlichtweg auszuhalten.

Das Aushalten einer solch kritischen Situation fiele uns entschieden leichter, so B., wenn wir nur in einen genügenden Abstand zu den eignen Gefühlen kämen, die uns teilweise stärker zu vereinnahmen drohen als jene Umstände, die uns von der ´Außenwelt´ her begegnen. Gemeint ist damit nicht das Ausblenden oder gar die Verdrängung jener Gefühle als vielmehr das Vertraut-werden und -sein mit ihnen, was laut B. letztlich zu einem freieren Verhältnis zwischen uns und unseren Gefühlen führen kann. Wenn dieser Schritt tatsächlich gelingt, so könnte, laut B., die Identifikation mit den eigenen Gefühlen aufgegeben und zu einem freien, weil selbstbestimmten Handeln, übergegangen werden. Leichter als dieser Schritt sei aber die Distanzierung, die durch äußere Faktoren, wie beispielsweise Zerstreuung oder den Konsum von Alkohol, herbeigeführt werde. Da jedoch beides kein geeignetes Mittel ist, um sich selbst transparent zu werden, so schlägt B. zwei brauchbarere Wege vor: die Selbstreflexion, die einem das ´Innenleben´ bewusst macht und die Selbstwahrnehmung, die einen zusätzlichen Abstand zu uns selbst erlaubt.

Im fünften Kapitel, das mit „Unsere Emotionen verstehen“ überschrieben ist, zeigt B., wie dieser Abstand zu gewinnen ist. Die Distanzierung, die seiner Meinung nach erst ein freies Handeln ermöglicht, erfordert eine Auseinandersetzung mit unseren Gefühlen und Emotionen, die allzu oft unser Handeln bestimmen. So werden die Gefühle selbst als auch das Worauf und Warum unserer Gefühle von B. thematisiert. Diese Fragen können „eine erste Hilfe sein, um in einen Abstand zu unserem Gefühlsleben zu kommen und den zwingenden Zugriff der Emotionen auf unser Leben zu lockern.“ (S.62) Man könne aber noch weitergehen und die Geschichte der eigenen Emotionen sowie der Dispositionen beleuchten, indem wir beispielsweise versuchen, uns an unsere Kindheit zu erinnern, was B. allerdings nur anreißt.

Es geht also im Grunde darum, und darauf kommt B. im siebten Kapitel zu sprechen, dass wir lernen uns selbst wahrzunehmen. Dies setze jedoch, wie wir bereits gesehen haben, einen Abstand zu dem eigenen Gefühlsleben voraus. Mit dem Begriff des ´Gefühls´ bindet B. das erleidende Moment des Affektes (passiv) sowie das bewegende Moment der Emotion (aktiv) zusammen. Das unmittelbare Re-agieren auf die Email eines unliebsamen Kollegen, wie in seinem Beispiel beschrieben, wäre laut B. nicht frei, da hier eben kein Abstand zwischen uns und unseren Gefühlen bestünde, der ein freies Agieren tatsächlich erlaube. Freier hingegen wäre es, wenn man dem Handlungsimpuls nicht unmittelbar nachgebe, sondern ihn aushielte, um nach einer angemessenen Frist, die man eben brauche, schließlich zu antworten. Das heißt für B. wiederum nicht, dass man seine Gefühle beiseite lassen sollte, sondern nur, dass wir den Gefühlen, als einem ersten Handlungsimpuls, nicht immer nachgeben müssen.

Am Ende seines Buches geht B. nochmals auf den Einfluss ein, den die ´Außenwelt´ auf uns ausübt, wenn er mit Rekurs auf Martin Heidegger das Leben des Menschen im ´Modus des man´ thematisiert. Das Leben im ´man´ fordert vom Einzelnen weder die Selbstauslegung noch die Konfrontation mit der eigenen Innerlichkeit, da alle Auslegungsmöglichkeiten und Deutungen im Außen zu finden sind. Zwar kann ein solches Leben als ungemein entlastend empfunden werden, aber unsere Einmaligkeit, die gerade in der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit oder in der „Erfahrung von tiefer Liebe zu uns“ aufscheine, würde damit schlichtweg preisgegeben. Richten wir also unsere Aufmerksamkeit nur auf die äußeren Dinge und vernachlässigen unser Innenleben, so werden wir laut B. nie Autoren unseren eigenen Lebens sein, da wir der Fremdbestimmung des ´man´ anheimfallen. Mit sich identisch zu werden und zu sein erfordert einen ganzheitlichen Blick, der sowohl das ´Außenleben´ wie das ´Innenleben´ berücksichtigt. So ließe sich der Reichtum eines Lebens „nur heben, wenn wir bereit sind, den Blick auch nach innen zu wenden.“ (S.92)

Mit der Aussicht auf ein freieres Leben, die B. in seinem Buch skizziert, erreicht er meines Erachtens nicht nur interessierte Philosophinnen und Philosophen, sondern eine breitgefächerte Leserschaft. Das Werk, das in meinen Augen als praktischer Lebensratgeber zu verstehen ist, lässt sich, da der Autor weitgehend auf Fachausdrücke verzichtet und die Sachverhalte lebensnah und äußerst klar präsentiert, sehr angenehm lesen. Für all jene Leser, die fähig und willig sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, dürfte die Lektüre durchaus lohnend sein, weil sie einem das ´Innenleben´ bewusst macht und so den Zugriff der äußeren Umstände auf uns und unsere Gefühle relativiert.

Fraglich bleibt allerdings, ob die Dimension des Inneren, die hier unter dem freiheitlichen Aspekt, als der Möglichkeit zu Distanzierung von äußeren Umständen gesehen wird, nicht auch gewisse Problem in sich birgt. So hätte ich gerne gelesen, was der Autor über innere Zwänge, Vorstellungen und Ideale zu sagen hat, die uns teilweise bis zur Erschöpfung belasten können. Ist hier eine Distanzierung möglich? Und wenn ja, wie? Diese Fragen, so scheint mir, könnten die Leserinnen und Leser dieses Buches durchaus interessieren.