Andreas Steinhöfel ist ein bekannter Autor, der viele Stimmen beherrscht, in denen er hauptsächlich für Kinder oder Jugendliche erzählt. Seine wohl beeindruckendste Tonlage klingt in Texten, die sich sozialen und persönlichen Problemen zuwenden. Das klang an in seinem Roman „Mitte der Welt“, das spürten Leser in „Der mechanische Prinz“ (siehe ebenfalls auf Schreibfeder.de) und diese Stimme findet man auch in dem neuen Taschenbuch „Defender“. Bei diesem Buch handelt es sich um Auszüge aus seinem Roman “Mitte der Welt“. Die Geschichten wirken in der eigenständigen Präsentation des Carlsen-Taschenbuchs aber eindringlicher als im Roman.

In den versammelten Texten lässt Steinhöfel Jugendliche zu Wort kommen, die etwas gemeinsam haben: den Moment in ihrem Leben, an dem sich alles verändert. Titelheld Defender muss sich entscheiden, ob er sich ‚als Held seiner eigenen Lebensgeschichte herausstellt oder ob er diese Rolle jemand anderem zukommen lässt’. Er schwankt zwischen einem Leben auf der Straße und einem Hilfsjob, bei dem sich zum väterlichen Freund entwickelnden Professor „Hosianna“. Da stirbt Mimi Kaminski, eigentlich eine unbedeutende Kiosk-Besitzerin, die Defender mit Schokoriegeln und Comics versorgte. Defender stellt fest, wie wenig er doch bei seinen wöchentlichen Besuchen über sie erfahren hat aber wie sehr sie ihm die Mutter ersetzt hat. Sein Leben geht weiter – aber er muss entscheiden, welche Richtung er ihm geben will.

In einer anderen Geschichte ist es das Mädchen Merle, das auf einmal die Meinung und die Rituale ihrer Gruppe in Frage stellt und sich getrieben fühlt, sich zum neuen Lehrer zu bekennen, obwohl er mit merkwürdiger Penetranz die Klasse mit gelben Gummistiefeln betritt. Das, was dem jungen Lehrer nicht gelingt, nämlich zu Wort zu kommen, das gelingt Merle auch gegen den Druck ihrer Klasse.

Steinhöfel lässt den Leser die Helden authentisch erleben. Trotz seiner eindeutig moralischen Botschaft wirken die Geschichten über Entscheidungssituationen und Werte Jugendlicher realistisch und nie pädagogisch. Ein Buch, das sich auch für Erwachsene noch spannend liest und zur Schullektüre werden sollte.