Romane sind so unterschiedlich wie Häuser. Es gibt Häuser, die ziehen uns durch ihre imposante Größe oder ihren Stil an. Andere Häuser betreten wir und fühlen uns in ihren gemütlichen Stuben sofort heimisch. Andreas Lauderts Roman „Die Unentschiedenen“ (erschienen im Merlin-Verlag) ist ein beeindruckendes Gebäude, vielleicht angesiedelt in der Nähe von deutschen Gedenkstätten, dessen Fenster und Türen weit geöffnet sind. Im Haus geht es lebendig zu, es ist ein wenig zugig, es gelingt dem Leser nicht, sich

gemütlich einzurichten, doch der Aufenthalt ist so inspirierend, dass man es nicht übers Herz bringt, zu gehen.

Das liegt auch an den skurilen Bewohnern des Hauses, allen voran dem Protagonisten Christoph Unheil. Ausgerechnet er, der „sich unschuldig hineingeschleudert …(fühlt) in die Gleichgültigkeit des Jahrhunderts, das zuende gehen würde, während er wieder einmal an einem Anfang stand.“, lässt sich auf eine Wette mit seinem Freund ein. Er, Christoph Unheil, würde versuchen, ein „guter Mensch“ zu werden. Wenn es ihm gelingt, der Gemeinschaft von Nutzen zu sein, darf er Freya, die Freundin seines Freundes, heiraten.

Mit dieser Wette wird die Größe aber auch die Tragik des Romans umrissen. Literarisch lassen sich Spuren zu Goethe, Kafka, Bulgakow u.a. ziehen, jedoch bevölkern – wie man auch an der Wette sieht – Figuren mit einem Hang zur Ich-Schwäche das Ensemble des Romans. Folgerichtig ist eines ihrer Themen auch das des Verschwindens oder Auflösens. Dass der Text dem standhält, liegt am Erzähler, dem es zu gelingen scheint, sich an das schuldhafte Schweigen heranzutasten. Während die deutsche Nachkriegsliteratur Schuld immer in enger Verbindung zum Völkermord darstellte, gehört Laudert einer Generation an, die sich dazu bekennt, Schuld auch außerhalb dieses Kontextes familiär zu hinterfragen. Ist es möglich, in einem Beziehungsgeflecht unschuldig schuldig zu sein? Ist es möglich, unter diesen Bedingungen ein guter Mensch zu werden und die Liebe seines Lebens zu finden? Und ist das möglich in einem Land wie Deutschland um die Jahrtausendwende? Laudert charakterisiert in den essayhaft anklingenden Sequenzen seines Romans auch diese Ebene: „Die Dichter sind ohne Leidenschaft und die Deutschen auch. Sie sollten Liebesgedichte schreiben, an ihr Land, an ihr Volk, und das Volk sollte sie lesen. Liebesgedichte, wie sie jedes Land auf der Welt geschrieben bekommt….Liebesgedichte, die heilen, nicht vergessen machen, sondern die uns erinnern an das, was gemeint war mit uns, Liebesgedichte an die Verzweiflung, die auf Parkbänken schläft….“ Der Erzählton greift verschiedene Sprachgesten auf, vor allem die der Aufklärung, der Klassik und der Romantik, doch es ist eine spröde Klassik und Romantik; eine Romantik, die durch unsere Gegenwart gebrochen wird. Wer sich darauf einlassen kann, wird das Haus der „Unentschiedenen“ immer wieder besuchen, um sich inspirieren zu lassen.