Waltraut Lewin: Leonie Lasker, Jüdin – Dunkle Schatten

Aus dem ersten Band über die junge jüdische Schauspielerin Leonie Lasker hat die Autorin Waltraut Lewin den Leser mit klopfendem Herzen entlassen. Leonie konnte zwar den ersten Teil Ihres Auftrags erfüllen und den ersten von drei goldenen Buchstaben erringen, aber vor ihren Augen wird ihr Liebhaber Schlomo feige ermordet. Was wird dieser Mord in ihr auslösen?

Leonie ist wie versteinert als sie mit dem Buchstaben zu ihrer Ahnin Isabell nach Frankreich fährt. Aber umso dringlicher scheint es ihr zu sein, Schlimmeres für das jüdische Volk zu verhindern. Sie kann zwar nicht mehr fühlen, würde aber am liebsten sofort nach Wien aufbrechen, um ihre Mission fortzusetzen. Isabell und ihr Mann Gaston müssen Leonie jedoch Zeit geben, um wieder zu sich zu finden. Leonie schwebt zwischen ihrem Auftrag und dem Wunsch, ihr Leben wegzuwerfen. Erst als sie für sich wieder beginnt Theater zu spielen, überwindet sie den Tod ihres Geliebten und findet zu sich. Ihre Proben in der rauen Natur an den Klippen sind zugleich die Vorbereitung auf ihren neuen Aufenthaltsort. Die Suche nach dem zweiten Buchstaben wird bei ihrer Cousine Felicé Lascari erfolgen, einer berühmten Wiener Burgschauspielerin, die ihr Unterricht geben soll. Anders als im ersten Teil muss Leonie bei ihrer Cousine in Wien nicht lange nach dem Buchstaben suchen. Felicé trägt ihn als persönlichen Glückbringer. Aber ganz im Gegenteil zu Schlomos Familie ist sie nicht bereit, ihn herzugeben. Am Ende muss Leonie sich zwischen Mission und Theaterkarriere entscheiden. In Wien muss Leonie erleben, dass Nationalsozialismus und Judenverfolgung kein auf ihre Heimat Deutschland beschränktes Ereignis ist, sondern auch schon in Wien Fuß gefasst hat.

Wer warten konnte oder musste, bevor er den zweiten Band der Trilogie über Leonie Lasker liest, findet sich ohne Schwierigkeiten in die Geschichte ein. Waltraut Lewin spart nicht mit Rückblenden und Zitaten. Sie zeigen die kompositorischen Zusammenhänge des Werkes, vertiefen die Konflikte, Themen und Motive, sind aber auch nicht ganz frei von ungewollten Längen. Der anschauliche Schreibstil Lewins trägt allerdings fast mühelos darüber hinweg.

Wie bereits im ersten Band bleibt Lewin ihrer Hauptheldin Leonie emotional sehr nah. Ihre Gegenspielerin, Felicé, deren Stern im Sinken begriffen ist, gerät leider etwas grob und schablonenhaft. Reizvoller gestaltet ist da schon ihr jugendlicher Liebhaber Anton mit seiner Nähe zu Felicé, die vielleicht nur auf seinen eigenen Schwächen beruht, durch die Leonie ihn aber auch erst annehmen kann.