Wenn ich Kindern auf Klassen- und Gruppenfahrten verspreche, ihnen abends noch eine Gruselgeschichte zu erzählen – so was ist ja schließlich fast schon inclusiv – werde ich sogleich auch ermahnt: „Aber sie muss auch wirklich ganz gruslig sein!“ Bei diesem Anspruch beginne ich sogleich zu grübeln: Wie soll ich das anstellen, recht viel Blut fließen zu lassen ohne die empfindlichen Seelchen dauerhaft zu verletzen?

Seit ich in die Anthologie von Manfred Mai „Nebelgrauer Gruselschauer“ hineingeschnüffelt habe, weiß ich es: In Gruselgeschichten für Kinder gehört einfach auch eine Portion Humor etwa von der Art wie wir ihn von Christine Nöstlinger oder Cornelia Funke gewöhnt sind, übrigens zwei Autoren, die ebenfalls in dem Buch vertreten sind. Neben diesen fast schon modernen Klassikern finden sich auch Charles Dickens und Isaac Bashevis Singer, Joan Aiken oder Roald Dahl. Einige nutzen das herkömmliche Muster der Gruselgeschichte wie zum Beispiel der Herausgeber selbst: In der alten Kaufmannsfamilie Doggenburg sterben die Mädchen seit Generationen vor ihrem siebenten Geburtstag. Und auch Friederike läuft von einem Unglück ins andere, kann aber immer wieder durch ihre Eltern gerettet werden. Bis dieses geheimnisvolle Mädchen auftaucht. Eigentlich sollte Friederike aus ihren ganzen Unglücksfällen gelernt haben und nicht auf sie hören… Mais Geschichte oder die schwarze Tragik, die Roald Dahl in seinem „Wunsch“ eines kleinen Jungen beschreibt, gehören ganz eindeutig zu den Gruselgeschichten, an denen die Kinder denken, die sich mich ermahnen auch wirklich gruslig zu sein. Auch wenn mir die Geschichte um die streitsüchtigen Zwillinge Sigi und Sissi besser gefällt. Die fantasievolle Sissi hat nämlich eine unsichtbare Freundin namens Florence Tschingbell, mit der sie durch die Kloschüssel telefoniert. Zwischen den beiden ist auch alles in Ordnung bis Sissis Bruder und ihr Vater nicht an sie glauben. Ich habe Nöstlingers Geschichte mit viel Sympathie für ihre Situationskomik gelesen, aber meine Kinder werden sie für ihr Ende lieben.

„Nebelgrauer Gruselschauer“ ist ein modernes Buch der „SuperGruselGeschichten“, das Erwachsene ihren Sprösslingen getrost unter die Bettdecke schmuggeln dürfen. Es ist 2005 bei Kerle erschienen.