Ljudmila Ulitzkaja: Ein glücklicher Zufall

Wer den warmen und menschlichen Ton der russischen Nachkriegsliteratur, wie ihn etwa W. Tendrjakow anschlägt, liebt, wird sich auch in das neue bei Hanser erschiene Buch „Ein glücklicher Zufall“ von Ljudmila Ulitzkaja verlieben. Die Autorin ist als Erzählerin für Erwachsene bereits international anerkannt. „Ein glücklicher Zufall“ erschien im Hanser-Kinder- buchprogramm, was nicht unbedingt die beste Entscheidung ist. Mit der Wirklichkeit, den Erfahrungen und Werten von Kindern heute haben die Geschichten über russische Dorfkinder zum Kriegsende nichts mehr zu tun. Auch der lakonisch-ironische Erzählton wird sicher eher im erwachsenen Leser zum Schwingen geraten. Aber gerade die Generation der heute 50- 70jährigen werden diese schlichten Geschichten aus der Kindheit in der Nachkriegszeit an ihr eigenes Leben erinnern.

Da gibt es den Flüster-Opa, von dem ein kleines Mädchen annimmt, er sei blind und taub, und der dennoch eine durch Unachtsamkeit der Enkelin kaputt gegangene Uhr repariert; die beiden verwaisten Mädchen Olga und Dussja, die einen 10-Rubel- Schein verlieren, mit dem sie „so viel Kohl kaufen sollten, wie sie tragen können“ oder den Außenseiter Genja, der eine Geburtstagsfeier mit seinen Feinden überleben muss.

In Ulitzkajas Geschichten über Kinder reichen sich das Unglück der Nachkriegsjahre und das kleine Wunder des Alltags immer wieder die Hände. Daraus erwächst ein Optimismus, der auch noch heutige Leser stützt und stärkt.

Wolf Erlbruch hat die Texte mit dem Blick für ihre wesentlichen Momente sparsam, aber wie gewohnt gekonnt illustriert. Wer seine Sammlung russischer (Gegenwarts)-Literatur fortsetzen oder seinen Kindern vermitteln möchte wie reich Kindheit auch ohne Gameboy oder Barbie war, findet in dem kleinen Band einen Schatz, den er nur ungern aus der Hand legen wird.