Winfried Schwarzer

  • Geboren 1935 in einem böhmischen Dorf, wohnt jetzt in Rostock, verheiratet
  • ABF in Halle, Studium Ingenieur-Ökonomie, Fachrichtung Bauwesen, an der TH Dresden
  • Bis 1993 in der Baustoffindustrie tätig
  • Mit Ende des Berufslebens begann er Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben, um sie den Enkeln und weiteren Generationen zu erhalten.
  • Seit 1997 arbeitet er in Rostocker Schreibzirkeln mit. Zuerst bei der Uni Rostock, dann bei der Volkshochschule und jetzt im Literaturhaus Kuhtor in Rostock.
  • Veröffentlichungen von zwei Büchern („Wohin geht die Reise?“ und „Ich bleibe…“) im Verlag BS-Verlag-Rostock Angelika Bruhn und in verschiedenen Anthologien.

Die älteste Sozialsiedlung der Welt

In vielen Orten unserer Republik, so auch in Rostock, wird dringend Bauland für den Wohnungsbau gesucht. Betrug die Bevölkerung 1989 über 250000 Personen, so ist sie gegenwärtig auf etwa 207000 geschrumpft. Der trotzdem entstandene hohe Bedarf an Wohnungen hat vielfache Ursachen, auf die ich in diesem Beitrag nicht eingehen möchte.

Das Bedürfnis nach einer Wohnung wird zu den menschlichen Grundbedürfnissen gerechnet. In der Erklärung der Menschenrechte durch die UNO vom 10.12.1948 ist deshalb auch das Recht auf Wohnung als soziales Grundrecht aufgenommen. In der Bundesrepublik Deutschland und auch in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Recht auf eine Wohnung nicht einklagbar. Den Menschen unseres  Staates wird im Grundgesetz kein Recht auf eine Wohnung zugebilligt. Die Formulierung „Jeder Bürger hat das Recht auf Wohnraum für sich und seine Familie entsprechend den volkswirtschaftlichen Möglichkeiten und örtlichen Bedingungen.“ stammt aus der Verfassung der DDR.

Ob Recht oder kein Recht auf eine Wohnung sei erst mal dahingestellt. Fakt ist: Rostock braucht mehr Wohnraum und besonders dringend im mittleren und unteren Preissegment. Den Bedarf an Einfamilienhäusern mit privaten Eigentümern abzudecken wird, selbst wenn es genügend Interessenten gäbe, schon auf Grund des fehlenden Baulandes nicht möglich sein. Also müssen Mehrfamilienhäuser mit bezahlbaren Mieten gebaut werden.

Etwa 800 km südlich von Rostock, in Augsburg, existiert ein vorbildliches Beispiel für sozialen Wohnungsbau.

Wer schon einmal in Augsburg war, hat diese älteste Sozialsiedlung der Welt vielleicht auch

besucht und kennen gelernt. Bedingung für eine Wohnung in der Fuggerei damals war u. a. unverschuldet in Not geraten zu sein, einen Rheinischen Gulden Jahresmiete zu bezahlen, täglich dreimal für die Familie Fugger zu beten und dem katholischen Glauben anzugehören.

Aus dem Rheinischen Gulden wurden heute 0,88 Euro Jahresmiete und mit den drei Gebeten und dem katholischen Glauben wird es wohl nicht mehr so genau genommen. Die Differenz zur Erhaltung der Wohnungen wird aus Erträgen des Stiftungsvermögens – aus Immobilien sowie aus der Land- und Forstwirtschaft – bis in die Gegenwart gesichert.

Auf die 0,88 €uro, die drei Gebete und den christlichen Glauben lässt sich gewiss regulierend Einfluss nehmen. Die Frage bleibt nur, ob sich private Investoren oder der Staat eine solche Investition zutrauen und leisten können. Vor fast 500 Jahren war es möglich.

Alle Rechte für den vorstehenden Text liegen beim Autor selbst.
© Winfried Schwarzer