Winfried Schwarzer

  • Geboren 1935 in einem böhmischen Dorf, wohnt jetzt in Rostock, verheiratet
  • ABF in Halle, Studium Ingenieur-Ökonomie, Fachrichtung Bauwesen, an der TH Dresden
  • Bis 1993 in der Baustoffindustrie tätig
  • Mit Ende des Berufslebens begann er Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben, um sie den Enkeln und weiteren Generationen zu erhalten.
  • Seit 1997 arbeitet er in Rostocker Schreibzirkeln mit. Zuerst bei der Uni Rostock, dann bei der Volkshochschule und jetzt im Literaturhaus Kuhtor in Rostock.
  • Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.

Ein Hund vom Tierheim

Mit einer Anzeige des Tierheimes in einer Regionalzeitung begann alles.

Die Überschrift lautete „Wer will mich haben?“. Das Rostocker Tierheim suchte fast täglich Interessenten für Hunde und Katzen. An einem Tag im März war eine schwarze Mischlingshündin abgebildet, die im Januar des Jahres mit zerschnittener Pfote in einer Parkanlage hilflos lag. Ihr Alter wurde vom Tierarzt auf zweieinhalb Jahre geschätzt. Sie wollte gern ein Zuhause.

Das Thema Hund war schon oft in unserer Familie diskutiert worden.

Besonders unsere jüngste Tochter hatte uns jahrelang damit gequält.

Am Ende der Überlegungen stand immer der Gedanke: „Wenn überhaupt einen Hund, dann kommt er erst dann ins Haus, wenn wir nicht mehr arbeiten gehen“. Nun war das „Aus“ im Arbeitsleben schneller gekommen, als in unserer ursprünglichen Lebensplanung vorgesehen.

Meine Frau und ich überlegten den ganzen Vormittag. Ja – nein – ja – nein – ja. Nach dem Mittagsschlaf fiel die Entscheidung. Wir fahren zum Tierheim.

Die Anschaffung eines Hundes will überlegt sein und sollte nicht spontan erfolgen. Ein Hund erfordert Zeitaufwand und verursacht auch Kosten.

Die Gründe für die Anschaffung sind sehr unterschiedlich. Viele Menschen mögen einfach Hunde, sie sind als Wächter und Beschützer begehrt, sie vertreiben die Einsamkeit. Ein Hund sorgt für einen geregelten Tagesablauf, ist ein Spielgefährte für Kinder. Mit dem Hund Gassi gehen ist gut für die Gesundheit und dabei lernt man oft andere Menschen kennen.

Wer keine Liebe zum Tier hat, wer sich vor ihm ekelt. Das Verhältnis zum Tier beruht auf Gegenseitigkeit und wird durch gegenseitige Anerkennung und Zuneigung beeinflusst.

Der schnelle Kaufentschluss hatte auch einen großen Nachteil. Wir konnten unserer neuen Mitbewohnerin zwar die Wohnung zeigen, aber den Schlafplatz nur andeutungsweise. Eine alte Decke wurde Ruhekissen am Ende des Flures und eine schon betagte Schüssel der begehrte Futternapf.

Unsere Tochter meldete ihn beim Hundeverein an, mit dem Versprechen, jeden Sonntag mit ihm zur Übung zu gehen.

Es war Anfang April. Abendspaziergang. Lady freute sich riesig. Da sie läufig war, gab es nur eine Lösung: „an der Leine“. So weit, so gut. Dann kam aus dem Dunkel der Nacht ein Rüde. Ich bemerkte es anfangs nur an Ladys aufgeregtem Verhalten. Als ich den Rüden sah, war alles zu spät. Das Halsband erwies sich als zu weit und meine Lady verschwand samt Hundemann im Dunkeln. Ru-fen, pfeifen, alles zwecklos.

Am nächsten Morgen gleich zum Tierarzt. Ja, es gibt die Spritze danach. Am 3., 5. und 7. Tag danach. Manchmal, zwar ganz selten, aber eben manchmal, kann dadurch auch eine Gebärmutterentzündung auftreten. Beratung im Familienrat. Ergebnis: Da wir nicht genau wissen, ob es zum Deckakt kam, lassen wir es darauf ankommen.

Die Begegnung mit dem Rüden hatte unsere Lady Anfang April. Ab der letzten Aprilwoche nahmen wir unseren ständigen Aufenthalt im Gartenhaus. Für unsere schwangere Hundedame war das natürlich ideal.

Die auf den Baumärkten angebotenen Hundehütten entsprachen nicht unseren Vorstellungen, besonders im Preis. Also baute ich eine Hundehütte. Ladys erste Begutachtung fiel gut aus. Sie nahm ihr Domizil an. Vor die Hütte kam ein flacher Kasten, mit festgetretenem Stroh gefüllt und als Kreißsaal gedacht.

So nach und nach nahm die Lauffreude ab. Die Bewegungen wurden immer beschwerlicher. Aus Fachbüchern hatten wir den Zeitraum von 63 Tagen bis zur Geburt entnommen. Das wäre der erste Mittwoch im Juni gewesen. Wir stellten uns in unserer Planung darauf ein.

Es geschah am Sonntag.

Wir saßen auf unserer Gartenterrasse beim Sonntagsnachmittagskaffee, meine Frau und ich. Unsere Lady hatte den ganzen Tag noch nichts gefressen und nur wenig getrunken. Meine Frau mein-te: „Heute ist es soweit.“ Und wie so oft, hatte sie recht. Innerhalb von drei Stunden kamen drei Welpen zur Welt. Die junge Mutter bemühte sich rührend um sie.

Lady nahm sich kaum Zeit zum Fressen. Sie magerte förmlich ab. Wir gaben ihr an Nahrung, soviel sie fressen wollte. Tag und Nacht, rund um die Uhr, war sie um ihren Nachwuchs besorgt. Sie war in den ersten Tagen kaum ansprechbar, nur um das Wohl ihrer Welpen bemüht. Nach einigen Tagen merkten wir Lady an, dass es ihr zu viel wurde. Wir stellten einen Gartensessel in das kleine Freigehege. Dort konnte sie ohne Belästigung durch ihren Nach-wuchs hin und wieder ungestört schlafen.

Das Kleingehege auf der Terrasse reichte nicht mehr aus. Also auf dem Rasen provisorisch einen größeren Auslauf schaffen. Lady übersprang die Wand nach Belieben, die Welpen konnten nicht weg-laufen.

Für zwei Welpen hatten wir Bestellungen. Sie verließen die Stadt, die sie überhaupt nicht kennengelernt hatten, und kamen aufs Land. Sie werden lernen müssen, mit Hühnern, Gänsen und Enten zu leben.

Unseren dritten Freund wollte keiner haben. Aushänge in den Einkaufszentren und in der Zoohandlung brachten keinen Erfolg. Auf ein Zeitungsinserat meldete sich eine Interessentin in einem an-deren Stadtteil. Wir wurden uns einig, hatten aber immer ein un-gutes Gefühl. Zwei Monate später hatte er sich an einer für Welpen tödlichen Darmkrankheit infiziert und musste eingeschläfert werden.

Mit Lady kehrte wieder der normale Hundealltag ein. Regelmäßige Spaziergänge. Kein Stress, keine Aufregung für Lady. Der Herbst kommt und es geht wieder in die Stadtwohnung, auch für Lady eine Umgewöhnung.

Die Übungen auf dem Hundeplatz haben Erfolg gezeigt. Sitz, Platz, Fuß klappen sehr gut. Nur Autofahren mag Lady nicht sehr gern.

Es ist wichtig, den Hund ständig zu beobachten, Veränderungen im Verhalten und im Äußeren können Anzeichen für Krankheiten sein. Lustlosigkeit, fehlender Spieltrieb, kein Hunger. Der Hund kann nicht sprechen, auch nicht beim Tierarzt.

Viele Tiere im Tierheim haben schlechte eigene Erfahrungen im Zusammenleben mit dem Menschen. Einen Hund vom Tierheim zu nehmen ist deshalb eine lobenswerte Entscheidung. Aber Achtung: War ein Hund lange im Tierheim und ist schon etwas älter, dann kann es Probleme mit dem Eingewöhnen geben und man sollte schon Erfahrung im Umgang mit Hunden haben.

Alle Rechte für den vorstehenden Text liegen beim Autor selbst.
© Winfried Schwarzer