Josef Przyklenk

  • Geboren 1938 in Brandewalde/Schlesien, aufgewachsen in Tatern/Lüneburger Heide. Seit 1960 in Köln.
  • Schriftsetzerlehre/Meisterprüfung. Wanderjahre Schweiz/Schweden.
  • Nach Pensionierung entdeckt: Auf die Dauer ist „nur Kartoffelschälen“ langweilig. Besuch von Schreibwerkstätten. Neue Träume, neue Ziele!
  • Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, Kurzgeschichten und Märchen
  • mehrfacher Preisträger beim jährlichen Schreibwettbewerb von Schreibfeder.de

Die Blick-Reise

Es gibt Erlebnisse, die verfolgen einen ein Leben lang. Bei mir ist es die „Blick-Reise“ mit dem „Kopf kürzer“. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles vor mir, wie es im Jahre 1945 begann und –  endete.

Damals war ich sieben Jahre alt und mit meiner Mutter und Schwester vor den russischen Truppen auf der Flucht aus Schlesien. Da hörte ich, wie eine Frau zu meiner Mutter sagte: „Wenn die uns kriegen, machen sie uns  einen Kopf kürzer.“ Ich konnte  mir damals nicht vorstellen, was das heißt, einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Ich dachte, man wird irgendwie zusammengestaucht,  eben einen Kopf  kleiner gemacht.

An den Ausbruch aus dem sogenannten Kessel, den die russischen Truppen gebildet hatten, quälen mich die immer gleichen Erinnerungen: Dunkle Nacht, erhellt durch Leuchtspurgeschosse, wir drei geduckt auf einem Pferdewagen, Panzer, deutsche, russische in wildem Chaos, Geschützdonner, ein Granateinschlag direkt vor uns, das Aufbäumen der Pferde im Geschirr, ein entsetzliches Wiehern. Eine Stimme, schrill vor Angst:  „Weg hier. Es folgt eine zweite Granate!“ Meine Mutter packte mich und meine Schwester und wir rannten los. Granateinschläge. Schreie: „Sanitäter, Sanitäter!“ Verwundete, Sterbende. Weiter! „Heilige Maria, Mutter Gottes…“ Meine Mutter betete laut und mir kam es vor, als übertöne ihre Stimme das Heulen der Vernichtung. Plötzlich stießen wir auf eine Straße, auf der mit laufendem Motor ein Lastwagen stand. Ein deutscher, ein russischer? Wir hörten deutsche Befehle. „Es sind unsere Soldaten!“ schrie meine Mutter

Hände packten uns. „Schnell ins Auto. Wir fahren!“ So durchbrachen wir den Kessel und schafften es, uns bis Weißenfels durchzuschlagen. Hier nahmen uns Verwandte auf.

Das Haus, in dem wir wohnten, bestand aus drei Stockwerken. Im Erdgeschoss „saß“ Frau Libotow, von der ich erzählen hörte, dass sie Russin sei und nach der Oktoberrevolution mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen war. Immer, wenn ich auf den Hof ging, zog mich das Fenster von Frau Libotow magisch an. Ich kletterte auf die Fensterbank. Dann sah ich sie in ihrem Lehnstuhl. Wenn ihre Augen nicht gewesen wären, hätte man denken können, dass dort eine Puppe saß. Eine Puppe mit einem Kopf, der direkt auf den Schultern zu beginnen schien. So sieht man aus, wenn man einen Kopf kürzer gemacht worden ist, dachte ich.

Dann hieß es: die Amerikaner sind da! Vorsichtig trauten wir uns auf die Straße. Fassungslos standen wir einem Soldaten gegenüber, der schwarz war. Meine Schwester begann vor Schreck zu weinen. Da lachte der Soldat, griff in seine Tasche und gab ihr eine Tafel Schokolade. „Siehst du“ flüsterte sie mir zu, „die machen nicht Kopf kürzer. Die geben Schokolade!“

Die Amerikaner blieben nicht lange. Es kamen die Russen. Ich ging wie bisher auf den Hof zum Spielen. Es war immer das gleiche Ritual. Ich kletterte auf die Fensterbank, spähte durch die Scheibe und, als hätte sie auf mich gewartet, sah ich in die schwarzen Augen  von Frau Libotow. Sie saß regungslos und auch ich war unfähig mich zu bewegen. Wir schienen nur durch unsere Blicke zu leben, die uns wie ein fließendes Band verbanden und Geschichten erzählten. Mich ergriff heute eine unerklärliche Trauer. Ahnte ich, dass Frau Libotow mir zum letzten Mal ihren Augen-Blick schenkte?

Dann ging das Gerücht um, dass die Russen die Wohnungen nach Waffen und Radios durchsuchen und – alle Jungen, die größer als 1,50 m waren, mitnähmen.

„Wenn sie kommen, legst du dich ins Bett und machst dich klein“, sagte meine Mutter zu mir. Sie erschienen überraschend und zu dritt, zwei in Uniform und einer im Ledermantel.  Ich schaffte es ins Bett zu springen und die Zudecke über mich zu ziehen. Vor Angst traute ich mich kaum zu atmen. Komisch, meine Gedanken gingen plötzlich zu Frau Libotow.  Ich stellte mir vor, wie sie in ihrem Lehnstuhl saß: Gelassen, alle Kraft der Welt in ihrem Blick. Würde dieser Blick stark genug sein, um alles Böse zu überwinden? Müsste nicht jemand kommen, groß und stark, der sich an ihre Seite stellte?

„Haben Sie ein Radio?“ fragte der eine der Uniformierten meine Mutter. Die schüttelte den Kopf. Meine Schwester krähte: „Zu Hause hatten wir ein Radio.  Hier haben wir nichts – nur Hunger!“

„Hunger? “ Der Soldat lachte, griff in seine Tasche: „Hier Bonbons!“  Blitzschnell ließ meine Schwester die angebotene Tüte in ihrer Schürzentasche verschwinden.

Mir warf sie einen Blick zu, als wolle sie sagen: Siehst du, die machen auch keinen Kopf kürzer. Die geben Bonbons. Oder?

Dann öffneten sie die Türen des Kleiderschranks, stocherten herum. Einer hob die Bettdecke an. „Kleiner Junge“, sagte er, als er keine Füße sah. Dann klopfte er den Strohsack auf versteckte Gegenstände ab. „Alles gutt“, sagte er, als er nichts fand. So schnell die drei gekommen waren, so schnell verschwanden sie. Ich reckte und streckte mich. „Hier, dein Anteil Bonbons“, sagte meine Schwester. Ich nahm die angebotenen drei und steckte ein Bonbon in den Mund und zwei in meine Hosentasche.

Als nach zwei Stunden im Haus alles ruhig schien, ging ich auf den Hof, um auf das Fensterbrett zu klettern und mit Frau Libotow auf die „Blick-Reise“ zu gehen. Als ich in das Zimmer sah, erschrak ich. Frau Libotow saß zum ersten Mal nicht auf ihrem Platz! Niemand war im Zimmer. Schubladen waren aufgezogen, Sachen lagen herum und das Schlimmste, der Lehnstuhl! Die Lederpolster waren aufgeschlitzt und hingen in Fetzen. Mich erfasste unbeschreibliche Angst, die sich in ohnmächtige Wut wandelte. Ich wünschte mir, dass ich groß und unendlich stark wäre, um diejenigen, die das getan hatten, fürchterlich zu verhauen. Dann fielen mir meine Bonbons ein. Plötzlich brannten sie mir wie Feuer in meiner Hosentasche. Nein, von solchen Leuten wollte ich keine Bonbons! Ich warf sie mit voller Kraft über den Zaun auf das Nachbargrundstück und fühlte mich ein wenig erleichtert.

Das Fenster der Waschküche stand auf. Drinnen hörte ich deutlich zwei Frauenstimmen: „Warum musste die Libotow das Radio in ihren Lehnstuhl einbauen? Ein Drama. Ihr Vater hat in Russland als Offizier mit den Weißen gegen die Roten gekämpft. Dann kamen sie nach Deutschland. Als  dann hier die Braunen an die Macht kamen, haben sie den Vater der Spionage für die Roten verdächtigt. Dann die Verhöre, zu denen sie auch die Libotow abholten und von denen sie regelrecht zusammengestaucht, kleiner gemacht,  zurückkehrte. Der Vater kam nie wieder und sie konnte nur noch im Rollstuhl sitzen. Vielleicht wollten die Roten hier und heute eine alte Rechnung begleichen?“

Ich hörte die Stimmen, verstand den Wortlaut, aber der Sinn des Gesprochenen ging mir erst  Jahre später auf. Plötzlich fielen mir meine zwei Bonbons ein, die ich wütend über den Zaun geworfen hatte. Ich dachte an die Süße, die so herrlich im Mund zergeht und gleichzeitig wusste ich, dass es dauern würde, bis ich so etwas Süßes wieder lutschen würde.

Oder sollte ich doch – einfach über den Zaun und – suchen?

Alle Rechte für den vorstehenden Text liegen beim Autor selbst.