| Sonja Nagel: Die Hausaufgabe
Martin stieß die Haustür auf, schleuderte seine Schultasche in die Flurecke und verschwand in seinem Zimmer. Seine zwei Jahre ältere Schwester Sophia, die mit ihrer Mutter in der Küche das Mittagessen bereitete, schaute ihre Mutter an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Was ist denn mit dem heute los? Zurzeit ist er unausstehlich“. Die Mutter bestätigte es kopf nickend und schaute ihrem Sohn besorgt nach. Martin wurde zum Essen gerufen. Die kleine Familie saß schweigend am
Tisch. „Schmeckt es Dir nicht, du stocherst so im Essen rum?“ Sein Blick haftete auf dem Eintopf. „Doch schon.“ „Aber?“ Seine Mutter runzelte die Stirn. Martin maulte, atmete tief ein und sprudelte los. „Heute haben wir eine voll blöde Hausaufgabe in Kunst auf bekommen. Wir sollen ein Totemtier modellieren, von mir selbst oder von einem der Familie. Keine Ahnung, wie ich das machen soll, habe echt keine Lust dazu. Totem, so´n Quatsch, die mit ihrem Zauberkram“.
„Was habt ihr denn gerade für ein Thema?“ unterbrach Sophia. „Kunst von Ureinwohnern, Indianer, Aborigines und so.“ „Klingt doch interessant“ „Das ist Schwachsinn.“ Sophia hatte kein Verständnis. „Stimmt nicht! Du hast nur Deine blöden Computerspiele im Kopf, wo ihr Euch gegenseitig abschlachtet. Das ist Schwachsinn!“ Martin reagierte gereizt. „Hast sowieso keine Ahnung davon, Deine Voodoo Zaubermärchen sind auch nicht viel besser“ Die Mutter hatte den
Streit beenden wollen und gab Sophia recht. „Man muss sich auch mal mit Dingen auseinandersetzen, die einem nicht so liegen. Ist im Leben später auch nicht anders.“ Martin verdrehte die Augen. Herausfordernd sah Sophia ihren Bruder an. „Soll ich Dir vielleicht dabei helfen?“. „Von mir aus. Muss aber bis nächste Woche fertig sein.“ „Wann wollen wir loslegen?“. „Oh Mann, nagele mich nicht gleich wieder fest. Ich hab jetzt keinen Bock drauf!“ Martin stopfte sich den
Mund voll. „Es ist Deine Hausaufgabe und nicht ihre.“ konterte die Mutter. Das war Martin zu viel. Er schurrte seinen Stuhl vom Tisch und ging mit einer abwinkenden Handbewegung in sein Zimmer.
Die Mutter rührte auf ihrem Teller „Was ist eigentlich ein Totem?“ „Naja“ Sophia stellte die Ellenbogen auf dem Tisch, riss sich ein Stück vom Brötchen ab und kaute. „Im ursprünglichem Sinne bedeutet es, sich Seelenverwandt fühlen mit etwas. Die Indianer sind zum
Beispiel davon überzeugt, dass ein Tier ein Urahn von ihnen ist. Es ist eine Art Kult für ein Clan oder für einen Stamm, der sein heiliges Tier verehrt. Trotzdem hat jeder Einzelne des Stammes auch sein Totemtier, was man auf den Totempfählen wieder findet.“ Sophia fühlte sich gut ihrer Mutter etwas zu erklären. Martin hatte Sophias Hobby immer nur belächelt und tat es als uncool ab. „Mama, hast du auch ein Lieblingstier?“ Die Mutter überlegte kurz. „Also ich mag
Elefanten. Wenn ich diese majestätischen Tiere sehe, dann bekomme ich eine Gänsehaut. Euer Vater übrigens liebte Katzen über alles.“ „Wirklich? Hätte ich gar nicht gedacht. Ich liebe Meeresschildkröten“ Sophia lächelte und nahm die leeren Teller mit in die Küche. Sie hörte noch wie ihre Mutter rief „lass Deinen Bruder auch etwas machen, er wird nicht dümmer davon“. Die Mutter hörte nur noch ein „JaJa“ von ihrer Tochter.
Sophia kramte ihren Ton aus der Tüte und
formte eine Schildkröte. Sie liebte diese urzeitlichen Tiere. Jedes Panzerteilchen bekam sein eigenes Muster. Dabei dachte sie an die Worte ihrer Mutter und wünschte sich, dass der Vater ihr zusah. Sie betrachtete ihr kleines Kunstwerk und stellte es zum Trocknen auf das Regal. Es vergingen ein paar Tage, als Sophia ihren Bruder fragte, ob er nicht mit der Hausaufgabe anfangen wolle. Sophia prahlte „Ich habe mein Tierchen schon lange fertig.“ „Na, dann brauch ich ja keins
mehr machen“ motzte Martin zurück. Mit verschränkten Armen stellte sich Sophia gegen ihren Bruder. „Wir wollten es zusammen machen, schon vergessen?“. Martin ging in sein Zimmer und holte einen Zettel. „Wo ist denn nun Deine Gans?“ „Was für eine Gans?“ „Wenn Du im Januar Geburtstag hast, ist dein Totemtier die Gans, so verlangt es meine Lehrerin.“ Ich hab keine Gans geformt und es ist auch nicht mein Totem.“ Martin nahm die noch nicht ganz
getrocknete Figur vom Regal in die Hand. „Wieso willst du immer etwas anderes sein, als du bist? “ Sophia machte einen Schritt auf Martin zu und wollte es ihm aus der Hand nehmen. Dabei ließ er es fallen. „blöde Gans“ beleidigte er seine Schwester und schlug wütend die Tür zu.
Sophia saß betroffen auf dem Boden und sah auf die zerbrochene Tonfigur. In ihrem Kopf hämmert es. Dabei hatte sie ihrem Bruder nur bei seinen Hausaufgaben helfen wollen. Tränen rollten ihr übers
Gesicht. Sie wusste nicht, ob sie über die Beleidigung oder über ihre zerbrochene Tonfigur traurig war. Sie wischte sich ihre Tränen vom Gesicht und sammelte die Bruchstücke auf. Sie klopfte leise an die Zimmertür ihres Bruders. Er saß vorm Bildschirm und spielte wie so oft stundenlang ein Online-Computerspiel wo es um Kriegsführung und Taktik geht. Er beachtete sie nicht. Sie sprach ihn dennoch an „Du hattest mir nicht gesagt, dass es sich um die Totems eines indianischen Horoskops handelt.
Du hättest meins nicht zerstören müssen.“ Martin atmete genervt durch. „Tschuldigung wegen der –blöden Gans- und der kaputten Kröte“ Martin sah dabei nicht vom Bildschirm. „Wenn du dich für Totems interessieren würdest, wüstest du, dass man kein Horoskop benötigt“ Martin unterbrach endlich das Spiel. „Meine Lehrerin hatte das aber gesagt“ „Kann schon sein, du hast es mir aber nicht gesagt, bist neulich einfach abgehauen, obwohl es dein Problem war.“
„Ist ja auch egal, ich schaffe es sowieso nicht mehr und fange dann wohl eine sechs“ Sophia setzte sich auf Martins Bett. „Du hättest ja auch mitmachen können. Was bist du denn nach dem indianisches Horoskop?“ „Nach dem blöden Zettel hier, bin ich ein Hirsch - ich glaube aber an diesen Hokuspokus nicht. Seelenverwandt, alles quatsch.“ „Vielleicht ist ja doch etwas Wahres dran?“ Sophia stand auf und sagte „Lies selber nach, im Internet steht alles.“ Martin rief
ihr nach „und wieso gestaltest du dich als Schildkröte wenn dein Horoskop eine Gans ist?“ „Weil mich Schildkröte faszinieren und ich ihr Wesen verstehen kann. Ich bekomme Herzklopfen wenn ich sie sehe. Vor einer Gans hab ich Angst.“ Martin lachte sie aus. Sophia lächelte ihm verschmitzt zu „Du bist eben ein geborener Hirsch, was im übrigen voll auf dich zutrifft, benimmst dich aber wie ein Hornochse. Wirst ja wohl ein Lieblingstierchen haben. Deine Lehrerin wird’s schon
verstehen.“ Sophia hatte das Zimmer verlassen. Sie machte sich daran eine neue Schildkröte zu formen und war froh, dass sie sich mit ihrem Bruder halbwegs versöhnt hatte.
Am Abend klopfte Martin an Sophias Tür. Er stand auf der Schwelle und hatte seine Hände auf seinen Rücken. Er schielte zu Sophias neuer Schildkröte, die noch schöner war als die erste. „Was hast du da?“ fragte sie. „Aber nicht lachen“ forderte Martin unsicher. Martin hatte auf seiner Hand eine
kleine Tonfigur. Sophia strahlte übers ganze Gesicht. „Katzen sind Deine Welt?“ „Naja das Wesen von Katzen mag ich schon.“ „Die ist total schön.“ schwärmte Sophia. „Die anderen lachen mich bestimmt aus!“ zweifelte Martin. Sophia war gerührt von ihrem Bruder, der endlich etwas preisgab was sie schon lange wusste. „weißt du die anderen werden morgen alle ihre Tierchen mitbringen.“ „Ja, aber nur von ihrem Horoskop“ „Dann sag ihnen, dass du mit einem Hirsch
nichts anfangen kannst und dass Katzen megacool sind. Dir wird schon etwas einfallen.“ baute ihn seine Schwester auf. Ich habe auch schon etwas über Katzen im Internet gefunden und aufgeschrieben.“ Martin machte eine kurze Pause. „Wollte mich noch mal entschuldigen. Muss auch zugeben, dass die Indianer schon was draufhaben. Ich habe nämlich bei der Suche im Internet etwas über ihre Waffen gelesen und wie sie sich verteidigt haben gegenüber den Weißen.“ Sophia sah ihren
Bruder mit großen Augen an. Sie stand auf und zog ein Buch aus ihrem Regal und gab es ihm. Hier findest du fast alles über ihre Waffentechnik, Geschicklichkeit und Stammeskämpfe. Sie haben sich leider auch untereinander bekämpft. Martin nickt “Jaja schon klar, danke noch mal, wusste gar nicht, dass sich mein Schwesterherz für Waffen interessiert. Wenn Du willst, dann zeig ich Dir auch etwas über Waffen, allerdings aus der heutigen Zeit.“ Sophia zuckte mit den Schultern und
überlegte kurz. „Ok, warum nicht.“ Er nahm das Buch und verschwand. Sophia lächelte in sich hinein und murmelt vor sich hin: „mein cooler Bruder liebt also auch Katzen“. Sonja Nagel -Alle Rechte liegen bei der Autorin- Seitenanfang Jessica Link: Totem
Manchmal hasse ich es. Ja okay vielleicht habe ich falsch gehandelt, aber muss er mir deswegen wieder so in den Ohren hängen? „Ich habe es dir ja gesagt das es falsch ist bla bla bla“ Neugier kann einen schon mal in merkwürdige Situationen bringen, ich zum Beispiel hockte gerade auf der Toilette einer Bibliothek. Ich musste säufzen, noch immer schritt er auf seinen dünnen Beinen vor mir auf und ab und hielt eine seiner Predigten. Davon hatte er immer eine parat, für
jede Situation, mochte sie auch noch so absurd sein. Seine Federn waren aufgeplustert und wenn ich es nicht besser wüsste würde ich behaupten sein Schnabel färbte sich mit jedem kleinen Schritt mehr tomatenrot. Kelmo sah mich mit funkelnden Augen an. Er war also immer noch voll dabei. „Wenn du mir nur einmal zuhören würdest, wären wir nicht immer wieder in solchen Situationen.“ Ich sah an der Wand hinauf bis hin zum Fenster, wo es langsam dunkler wurde, „Wenn ich mich richtig
erinnere saßen wir noch nie in der Toilette einer Bücherei fest.“ „Humpf, du weißt genau worauf ich hinaus will,“ krächzte er laut. Er hatte keine Angst das ihn jemand hören könnte und ich auch nicht. Die Gefahr war sehr gering, erst recht da die paar Leute die sich jetzt noch hier aufhielten wahrscheinlich eh alle Erwachsen waren und in meinem Ganzen Leben habe ich noch keinen Erwachsenen gesehen der noch bewusst Kontakt zu seinem Totem hatte. So ist das bei den
meisten. Es gibt nicht mehr viele Kinder die sie noch sehen können, bei den meisten sagen die Erwachsenen das sie einen unsichtbaren Freund haben und das es mit der zeit vergehen würde, so ist es auch bei vielen. Mit der Zeit schieben sie sie dann in ihr Unterbewusstsein und das ist dann alles was sie noch sind: Ein leises Stimmchen im Hinterkopf; ein Gewissen. Früher war das nicht so. Jeder hatte seinen Begleiter, von klein auf bis hin ins hohe Alter wurde ein Jeder von seinem Totem
begleitet, sie haben ihren letzten Atemzug zusammen genommen. Heute gibt es nur noch wenige die überhaupt das Privileg haben ihr Totem kennen zu lernen und noch wenigere die es Zeit ihres Lebens als steten Begleitet an ihrer Seite haben. Ich habe dieses Glück, auch wenn er mir, wie in diesem Augenblick, ab und an ziemlich auf die Nerven geht. Ich weis das er genau so neugierig ist wie ich es bin, das liebt in der Natur der Krähe. Wir teilen sehr viele Eigenschaften, doch irgendwie
nur ganz selten im selben Moment. Wenn ich zum Beispiel neugierig bin und mir alles egal ist, dann ist er vernünftig und wiegt alles ab und sein Gerechtigkeitssinn kommt zu Tage, wenn er z.B. der Meinung ist das wir in die Privatsphäre von Jemanden eindringen, oder auch in einer Bibliothek den Schlüssel für die Toilette stibitzen um uns dann darin zu verschanzen bis diese schließlich geschlossen hat. „Es geht uns ja auch gar nichts an“ er war immer noch dabei und wurde immer lauter
in seinem Vortrag. Sicher war es nicht unbedingt meine Angelegenheit, aber mit dem Finden dieses Zettels wurde es zu meiner Angelegenheit, jedenfalls wenn es nach mit ginge. Es wurde genau so Neugierig als er die Worte las, das habe ich gespürt und das kann er nicht vor mir verbergen, wir sind eins. Es standen nur 4 Worte auf dem Zettel: Mehr erfährst du dann, und dann noch die Nummer eines Buches. Wir sind heute in allen anderen Büchereien gewesen, die es hier in der Stadt gibt, aber
entweder stand nichts in dem Buch, oder es gab erst gar keines mir dieser Nummer. Hier aber wurden wir fündig, zumindest in dem Computer, denn während hier noch personal ist kommen wir leider nicht in den Besagten Bereich, da dieser nur für Befugte zugänglich ist. Viele hätten diesen Zettel vielleicht einfach als wirre Notiz abgetan, aber ich Kelmo hatte gesehen wie er einem Mann aus der Tasche gefallen ist der kurz zuvor nur zwei Worte mit einem Anderen Mann austauschte und dann wieder
seines Weges ging. „Eigentlich hast du es dir ja selbst zuzuschreiben.“ Meinte ich und streckte meine Beine auf dem Boden vor mir aus, „du hast den Zettel ja erst entdeckt und in deiner Neugier darauf gedrängt das wir ihn uns ansehen.“ Jetzt war er still. Er wusste das ich recht hatte und ich erlaubte mir ein gewinnendes Lächeln. Endlich hatte ich auch mal recht. Endlich war es mal seine Neugier die uns in eine solche Situation gebracht hatte. Meine Rolle darin ließ ich für
den Moment einmal kurz außen vor. Jetzt war es dunkel draußen, und ich warf noch einmal einen Blick auf die Uhr. 22.30 vor einer Stunde hatte die Bücherei geschlossen ich hoffte langsam waren die meisten Mitarbeiter raus, denn ich hatte keine Lust mehr hier ewig drinnen zu sitzen. „Es dürfte jetzt schon spät genug seien, was meinst du?“ Kelmo, hatte seine Federn wieder etwas geglättet und hüpfte zur Tür, „Mach sie auf, ich dreh mal ne Runde uns sieh nach ob die Luft rein
ist.“ Gesagt getan erhob ich mich auf meine müden Beine. Leise schloss ich die Tür auf und öffnete sie einen kleinen Spalt, groß genug für Kelmo um hindurch zu schlüpfen. Leide erhob er sich in die Luft und durchquerte der dunklen Raum. Es dauerte nur wenige Minuten, ich hab das ein oder andere Mal auf meine Uhr gesehen, doch eigentlich waren es nur etwas mehr als fünf Minuten bis Kelmo wieder vor der Tür landete und mit seinem Schnabel dagegen klopfte. Von dem Lärm den er
verursachte wusste ich genau das sich niemand mehr hier befand. „Komm schon, es ist keiner mehr da, nur ein alter Mann in Uniform der seine Zeitung liest.“ Na dann, lass uns mal losgehen. Wir schlichen uns bis hin zu der Tür die uns von dem Buch trennte in der die Nachricht stehen musste. Ich zog an dem Türknauf und sie glitt ohne ein Geräusch von sich zu geben auf. Wieder hatte ich ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. „Hätte ja nicht gedacht das es auch wirklich
klappt.“ „Tja Fernsehen macht hat doch nicht immer so dumm wie alle glauben“ gab Kelmo zurück bevor er in den Raum hineinflog. Genauso geräuschlos wie die Tür aufging so leise fiel sie auch hinter uns ins Schloss, na ja, nicht wirklich, da ein gut platzierter Kaugummi dies verhinderte. Gemeinsam durchforsteten wir die Regale und suchten die Nummer des Buches wegen dem wir die ganze Mühe erst auf uns genommen haben. Und dann hatten wir es. Es war nicht wirklich ein altes,
wertvolles Buch, oder ein ganz dickes in dem viele wichtige und bedeutende Dinge standen, nein es war ein einfaches Geschichtsbuch. Thilo Vogelsang – Das Geteilte Deutschland. „Besonders sieht es ja nicht aus“, krächzte Kelmo auf meiner Schulter auf das Buch hinab blickend. „Es kommt ja auch drauf an was nun drinnen steht“ gab ich zurück und blätterte das Buch grob durch, in der Hoffnung es würde auffällig markiert sein. Fehlanzeige, wäre ja auch sonst unsinnig
gewesen. Als setzten wir uns. Seite eins: nichts. „Fang ganz vorn an“ „Na das mache ich doch“ „Nein ganz vorne“ also ging ich zwei Seiten zurück, eine leere und einer mir den Verlägen und er hatte recht. Es waren zwei Ziffern mit einem Schwarten Fineliner nachgeschrieben worden, unauffällig wenn man wie jeder normale Mensch sich nicht das ganze klein gedruckte in einem Buch durchlas, ein Hinweis für den der danach suchte. 24 – Die Seitenzahl vielleicht? „Na los mach
schon“ Kelmo hüpfte voller Anspannung von meiner Schulter auf den Tisch um näher an dem Buch sein zu können, dabei hatte er nun wirklich gute Augen. Ich blätterte also Seite für Seite dennoch darauf achtend nicht noch einen Hinweis zu übersehen. Nichts, bis zur Seite 23 war nichts weiter auffällig gewesen. Noch eine Seite. Ich blätterte sie langsam um, Kelmo konnte die Spannung nicht ertragen und half mit seinem Schnabel nach. Und tatsächlich, dort waren Einzelne Buchstaben
nachgeschrieben: U-N-D-D-A-M-I-T-I-S-T-E-S-G-E-S-C-H-A-F-F-T-D-E-R-L-E-T-Z-T-E-H-I-N-W-E-I-S-I-S-T-E-N-T-D-E-C-K-T Ich war enttäuscht, ich las es noch einmal „Und damit ist es geschafft, der letzte Hinweis ist entdeckt“ Ich lehnte mich im Stuhl zurück. „Das war es also, alles für nichts.“ Gab mein Freund von sich und betrachtete die Seite genau ob ich nicht doch etwas übersehen hatte. „Na ja, wir haben den letzten Hinweis entdeckt. Immerhin“ meinte ich „schade nur das
wir die anderen nicht auch kannten.“ „Ja das wäre bestimmt interessant gewesen.“ Jetzt musste ich lachen, „Und ich bin Neugierig?“ „Ja“ gab er zurück, „wir sind eins schon vergessen“ „Nein wie könnte ich“, ich stand auf und nahm das Buch um es wieder auf seinen Platz zu stellen. „Du erinnerst mich ja ständig dran. Lass uns nach hause gehen. Heute ist doch noch Familienabend. Die haben bestimmt schon ohne uns angefangen“ „Du hast recht lass uns
heim gehen.“ Ich entfernte den Kaugummi, legte den Schlüssel unter den Tisch der Bibliothekarin, jetzt hatte ich ja keine Verwendung mehr dafür, und dann verschwanden wir durch das Fenster auf der Toilette. Auf dem Weg nach Hause malten wir uns aus was es wohl alles für Hinweise gegeben haben mochte. Zu Hause waren sie schon voll im Gange. Meine Familie war es gewohnt das ich mal zu spät kam, es gab eben immer Neues zu entdecken und das brauchte Zeit. Sie saßen am Tisch und
spielten Monopoly, Ben saß in seinem Laufstall und spielte mit sich selbst wie es schien, doch dann nahm er sein Auto und hielt es nach vorn, als ob er es jemanden reichen würde, nur das dort niemand zu sehen war, „Jedenfalls für uns“ meinte Kelmo der neben meiner Schwester saß und sich ein Spaß draus machte ihre fein sortierten Häuschen umzuschubsen. Niemanden den wir sehen können. Mein Bruder hat seinen Begleiter also schon entdeckt. Jessica Link
-Alle Rechte liegen bei der Autorin- Seitenanfang Dorit Steenhusen: Eulenspiegel
Neulich war ich mal wieder nachts unterwegs. Der herbeigesehnte Schlaf wollte nicht kommen und Durst hatte ich auch. Also schlich ich mich leise aus dem dunklen Schlafzimmer und ließ
die üblichen Schnarchgeräusche hinter der nun wieder verschlossenen Tür. Auf dem Flur machte ich kein Licht, schließlich konnte ich blind durch die Wohnung finden. Mit müden Augen und ebensolchen Füßen schlurfte ich am großen Spiegel vorbei und… stockte. Etwas stimmte nicht. Aber was? Mühsam öffnete ich meine Augen etwas weiter und erschrak. Zwei große runde, gelb leuchtende Augen sahen mich an! Einbrecher! Gerade wollte ich schreien, da hörte ich hinter mir eine schnarrende
Stimme. „Nun mach keinen Aufstand! Lass deinen Alten schlafen. Das hier geht nur uns beide etwas an.“ Wie angewurzelt blieb ich stehen, und die Haare auf meinen Armen richteten sich auf. „Wer bist du? Und was willst du von mir? Bitte, lass mich leben, ich hab noch so viel vor!“ Kaum hörbar und ziemlich flehend stieß ich diese Worte hervor. Ich erntete ein krächzendes Gelächter, unheimlich und unmenschlich. „Hu, hu, hu, wieso seid Ihr Menschen nachts nur so blind? Sieh doch
mal genauer hin und dann sag mir, welche Gefahr von mir ausgehen sollte. Aber wir verplempern hier nur kostbare Zeit. Eine Stunde, mehr haben wir beide nicht. Also, reiß dich zusammen!“ Widerstrebend trat ich näher an den Spiegel. Inzwischen hatten sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt. Ich entdeckte die Umrisse einer ... Eule. Die Ähnlichkeit mit derjenigen, die seit Jahren steinern in meinem Schrank stand, war verblüffend. „Wieso…“, weiter kam ich nicht. Gewohnt zu
dominieren, erklärte mir diese Eule, von der ich glaubte, sie zu kennen, dass ich meinen Schnabel halten sollte. „Hör mir doch endlich einmal zu! Ich wollte schon so lange mit dir Kontakt aufnehmen, aber bisher war die Zeit noch nicht reif dafür gewesen. Heute ist der ideale Zeitpunkt, also nutzen wir ihn. Ich hab dir einiges zu erzählen. Fangen wir mit deiner Sammelleidenschaft an. Hast du etwa geglaubt, es wäre zufällig, dass du dich für Eulen entschieden hast? Ha, ha, nein, dahinter gibt
es einen Plan.“ Als ich etwas einwenden wollte, fiel sie mir sofort ins Wort. „Nun halt endlich einmal die Klappe! Sagt Ihr nicht, Eulen seien weise? Wir sind es wohl auch. Jedenfalls wissen wir eine Menge. Und wir sehen besonders gut nachts, wenn alles im Verborgenen geschieht. Doch uns entgeht nichts. Wenn ich es einmal bemerken darf, so hast du wirklich eine gute Wahl mit deiner Sammlung getroffen. Es ist angemessen, besonders für dich. Keine Widerrede, Ruhe! Wahrscheinlich hast du
schon von Totemtieren gehört, aber nur im Zusammenhang mit Indianern. Als würde das einen Unterschied machen! Es gibt welche, und die sind allgemeingültig. Und zufällig, ganz zufällig, bin ich genau dein Totemtier!“ Mir blieb der Mund vor Staunen offen stehen. Da stand ich nun mitten in der Nacht vor einem Eulenspiegel, obwohl ich wirklich nicht Till hieß, und in Mölln wohnte ich auch nicht. Doch lange konnte ich nicht darüber nachdenken. Diese Eule, die ziemlich herrschsüchtig zu sein
schien, redete sogleich weiter. „Ja, auch die Indianer verbinden mit der Eule große Gelehrigkeit und die Fähigkeit, besonders detailfreudig zu sein. Willst du weitere Eigenschaften wissen, die man uns und unseren Schützlingen, den Menschen, nachsagt? Mutige Helden soll man unter ihnen finden. Nun, davon kannst du natürlich nur träumen, nicht wahr?“ Ich fühlte mich beschämt. Wieso sollte dieses Wesen mir so tief ins Herz sehen können? Ich schlug meine Augen nieder. „Nun, man kann
wirklich nicht alles haben. Sonst wird dir noch dein Selbstvertrauen abhanden kommen, und das willst du doch nicht! Du brauchst es, um deine Freiheit leben und ausdrücken zu können, auch das sind weitere Eigenschaften der Eulen, der menschlichen und der ihrer Krafttiere. Und… das hab ich bei dir schon häufiger beobachten können: Eulen neigen dazu, sich selbst zu überfordern. Du nickst, hast dich wohl nicht nur dabei erkannt. Ja, ich bin wirklich dein Krafttier, dein Totemtier, und wie
du siehst, passt das alles gut zusammen, nicht wahr? Ich und du, wir beide, können gemeinsam eine ganze Menge bewirken. Ich kann dich stärken, wenn du Hilfe brauchst, wenn du verzagt bist oder wenn dein Selbstwertgefühl einmal wieder unter dem Nullpunkt ist. Vielleicht kann ich dir sogar dabei helfen, ein wenig mutiger durchs Leben zu gehen. Du musst es nur wollen.“ So ganz verstand ich das alles noch immer nicht, andererseits fühlte es sich durchaus real an. Fing ich jetzt an zu
spinnen? Wenn ich jemandem von diesem Erlebnis berichten würde, würden alle nur mit den Augen rollen und an meinem Geisteszustand zweifeln. Ich fühlte mich ja selber ziemlich ungemütlich, nicht nur wegen der Situation an sich. Auch dieser Spiegel, dieser Eulenspiegel, der mir hier vorgehalten wurde, fühlte sich unbehaglich an. „Unsere Zeit ist gleich wieder um. Darum lass es mich noch einmal wiederholen, meine Liebe: wir beide gehören zusammen, auch wenn ich vielleicht nur in dieser
einen Nacht zu dir sprechen kann. Aber du kannst mit mir sprechen, wenn du Probleme hast. Und vielleicht hörst du dann meine Antwort, wenn du still bist und in dein Herz horchst. Wir beide bleiben für immer zusammen, wie wir es auch früher schon waren. Doch da wusstest du es noch nicht. Jetzt wird es leichter für dich sein, dich mit mir zu verbinden. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit!“ Nach diesen Worten erloschen die beiden Lichter im Spiegel. Ich stand da und starrte in die
Dunkelheit, kniff mich in den Arm und schüttelte meine Verwunderung von mir. Nun brauchte ich wirklich ein großes Glas Wasser! Das würde mich wieder in die Gegenwart zurückbringen. Eigentlich glaubte ich nicht wirklich, was mir eben geschehen war. Andererseits konnte es nicht schaden, mich mit den Fähigkeiten der Eule zu identifizieren. Und Hilfe, ja, die konnte ich wirklich gebrauchen! Warum nicht von einem Totemtier? Dorit Steenhusen
-Alle Rechte liegen bei der Autorin- Seitenanfang |