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Josef Przyklenk

  • Geboren 1938 in Brandewalde/Schlesien, aufgewachsen in Tatern/Lüneburger Heide. Seit 1960 in Köln.
  • Schriftsetzerlehre/Meisterprüfung. Wanderjahre Schweiz/Schweden.
  • Nach Pensionierung entdeckt: Auf die Dauer ist „nur Kartoffelschälen“ langweilig. Besuch von Schreibwerkstätten. Neue Träume, neue Ziele!
  • Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, Kurzgeschichten und Märchen
  • mehrfacher Preisträger beim jährlichen Schreibwettbewerb von Schreibfeder.de

 

Herzblut

Linus Mahlo sah sich um. Es war spät geworden. Er war der einzige, der in den letzten Wagen der Straßenbahn stieg. Mit Bedacht wählte er einen Platz nahe der Eingangstür. Weiter hinten saß eine junge Frau. Sie trug ein Kopftuch und las in einem Buch, sah auf. Sekundenbruchteile kreuzten sich ihre Blicke.
Im Gedächtnis von Linus sprang ein Gedanke an. An wen erinnerten ihn diese dunkelbraunen Augen, dieses schmale, scharf geschnittene Gesicht mit der leicht gewölbten Nase und den optimistisch wirkenden nach oben zeigenden Mundwinkeln?
Er öffnete seine Aktentasche, entnahm einen Ordner, strich über den Deckel. Sein erster Roman. Fertig. Fast 300 Seiten. Zum ersten Mal hatte er heute im Rahmen der Romanwerkstatt öffentlich daraus gelesen.
„Unser Senior“, hatte die Moderatorin ihn angekündigt, „bereits 84, aber kein bisschen müde!“
War er wirklich schon 84? Er fühlte sich wie 50. Höchstens. Voller Pläne, voller Illusionen, voller Träume.
Noch einmal traf sein Blick sich mit dem der Frau. Noch einmal fragte er sich, an wen und an was sie ihn erinnerte. 
Die Straßenbahn fuhr langsamer, hielt. Von dieser Gegend sagte man früher, dass es hier Männer mit viereckigen Köpfen gab. Männer mit viereckigen Köpfen! Er musste lachen.
Die Drei, die einstiegen, hatten normale Köpfe. Aber auch wieder nicht. Punker, Skinheads, Rocker, einfach nur junge Männer? In dieser Szene kannte er sich nicht aus.
Magisch angezogen steuerten die Drei auf die junge Frau zu. Einer setzte sich neben sie, zwei ihr gegenüber. Sie klappte ihr Buch zu, wollte aufstehen.
„Sitzen bleiben!“ sagte der neben ihr und drückte sie wieder auf ihren Platz. „Watt lieste da?“
Er nahm mit besitz ergreifender Geste das Buch, buchstabierte: „Rose Ausländer, Gedichte.“
„Wusste gar nicht, dass du lesen kannst, Rocky“, sagte ein kleiner, unglaublich Dicker. Sie lachten.
Rocky sagte: „Schnauze!“ und rückte eng an die junge Frau heran.
In dem Augenblick erkannte Linus Mahlo, an wen sie ihn erinnerte. Deutlich tauchten die Bilder aus der Vergangenheit auf:
Sommer 1945. Er war so alt wie die jungen Leute einige Sitze weiter. Kriegsgefangener in Frankreich. Das Lager im Wald. Holzkommando. Täglich zwei Festmeter schlagen. Das war die Norm. Sonst gab es nichts zum Essen. Er hatte die Norm nicht geschafft, fühlte, dass alles vorbei war, kroch ins Gebüsch, zum Sterben. Für immer schlafen! Er schloss die Augen, dachte an zu Hause, an die Mutter, an die Schwester. Dann die Stimme über ihm:
„Da liegt noch einer!“
Er hatte die Augen geöffnet. Da sah er das schmale Gesicht, die vollen Lippen, die dunkelbraunen Augen, die leicht gewölbte Nase.
Sie hatte seinen Puls gefühlt, geschrieen: „Einen Arzt. Sofort einen Arzt!“
Diese fünf Worte hatten sein Leben gerettet und in der Folge das Leben von einem Sohn, einer Tochter und sieben Enkelkindern bewirkt. Sie war eine Rot-Kreuz-Schwester, mit einer Delegation aus Genf gekommen. Das Lager wurde geschlossen, der Kommandant verurteilt. Das war über fünfzig Jahre her.
Jetzt sah er noch einmal das Gesicht. Einige Sitze entfernt.
Rocky umfasste jetzt die Frau mit seinem rechten Arm, kitzelte sie.
„Was meint ihr“, sagte er, „ob sie lange oder kurze Haare hat?“ Sie lachten.
Rocky zupfte an ihrem Kopftuch.
Wut stieg in Linus Mahlo auf wie Dampf in einem Kessel. Vor dreißig, vierzig Jahren, Hackepeter hätte er aus dem gemacht. Jetzt war er alt. Die Knochen schwach und brüchig. Hatte er sich nicht gerade wie fünfzig gebrüstet? Sicher, aber… Las man nicht täglich diese Berichte in der Zeitung, hörte die Meldungen im Fernsehen? Nein, sagte er energisch zu seinem inneren Alte-Leute-Angstmach-Zensor, nicht in meiner Gegenwart, nicht mit dieser Frau!
Er legte seinen Roman-Ordner auf die Aktentasche, stand auf, straffte sich. Er wusste, erfolgreich Partei ergreifen ist zur Hälfte Psychologie. Er durfte keine Angst zeigen. Aber er hatte Angst. Rasende Angst. Er fing einen Blick der Frau auf, in dem wilder Stolz loderte. Er ging betont langsam, entschlossen. Den Ton anpassen, dachte er und sagte: „He Rocky, lass deine Finger von der Dame!“
Rocky stand auf. Er war einen Kopf größer als Linus.
„He Grufty“, sagte Rocky, „haste nen Knick im Hirn?“
Dann gab er dem kleinen Dicken ein Zeichen. Der stand auf und schlich sich hinter Linus. Aus den Augenwinkeln konnte Linus sehen, wie er aus dem Roman-Ordner Blätter riss und in die Luft warf. Dann rief er: „He Grufty, es schneit!“
Linus stöhnte. Sein Lebenswerk. Zerfleddert! Dann sah er die Faust von Rocky, wollte zurückweichen, nicht schnell genug. Der Schlag. Genau auf die Nase. Sofort spürte er warmes Blut, klammerte sich an der Haltestange fest.
In dem Augenblick sprang die Frau auf. Mit einem Griff riss sie ihr Kopftuch herunter. Wie durch einen Nebel registrierte Linus, dass sie eine modische Kurzhaar-Frisur trug. Sie umschlang das Kopftuch zwei, dreimal, hielt die Enden wie ein Seil in den Händen. In ihren Augen zuckten Blitze. Als Rocky ausholte, um Linus den finalen Schlag zu versetzen, sprang sie. Eine Tigerin. Im Sprung warf sie Rocky das Kopftuch um den Hals, zog. Gnadenlos. Rocky röchelte, sackte zusammen.
Linus versuchte, sich an der Stange zu halten. Aber er sank immer tiefer. Er merkte noch, dass die Straßenbahn hielt, Türen sich öffneten, Kommandos ertönten, hörte Tritte schwerer Stiefel. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Als er die Augen wieder öffnete, lag er in einem Bett und blickte in ein ihn mit Sorgenfalten betrachtendes Augenpaar.
„Wo bin ich?“ fragte er.
„Im Krankenhaus.“ Er erkannte das schmal geschnittene Gesicht, die dunkelbraunen Augen, die leicht gewölbte Nase. Erinnern kehrte zurück wie die Flut an den Strand.
„Ich bin alt geworden“, sagte er, „eine Frau musste mich raus hauen.“
„Sie waren sehr mutig. Davon kann sich manch Jüngerer eine Scheibe abschneiden.“
„Ich war es ihnen schuldig. Eine alte Rechnung.“ 
„Eine alte Rechnung?“
„Ja, eine andere Geschichte. Hängt aber mit dieser zusammen.“
„Verstehe ich nicht. Trotzdem: Danke. Ich bin Aisha.“
„Aisha, ein schöner Name. Ich bin Linus.“
„Ich habe alle Blätter ihres Romans aufgesammelt. Zwei sind stark beschädigt, aber lesbar. Während sie schliefen, habe ich ihren Roman gelesen. Das durfte ich doch?“
„Natürlich, Aisha.“
„Eine wunderbare Geschichte. Einfach cool. Mit Herzblut geschrieben.“
„Mein Lebenswerk. Sagten Sie Herzblut? Das könnte ein Titel für meinen Roman sein.“
Während Linus Mahlo dachte, was könnten wir uns alles erzählen, merkte er, wie die Vorstellungen gingen und bleierne Müdigkeit kam. Wieder schloss er die Augen.
Als Aisha seine tiefen Atemzüge hörte, strich sie ihm zärtlich über die Stirn und sagte: „Träum schön, Linus, du großer Junge!“




Alle Rechte für den vorstehenden Text liegen beim Autor selbst.

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