Winfried Schwarzer
- Geboren 1935 in einem böhmischen Dorf, wohnt jetzt in Rostock, verheiratet
- ABF in Halle, Studium Ingenieur-Ökonomie, Fachrichtung Bauwesen, an der TH Dresden
- Bis 1993 in der Baustoffindustrie tätig
- Mit Ende des Berufslebens begann er Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben, um sie den Enkeln und weiteren Generationen zu erhalten.
- Seit 1997 arbeitet er in Rostocker Schreibzirkeln mit. Zuerst bei der Uni Rostock, dann bei
der Volkshochschule und jetzt im Literaturhaus Kuhtor in Rostock.
- Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien.
Rostock, am 10. Dezember 2006
Meine liebe Großmutter,
letzte Nacht träumte ich, was äußerst selten vorkommt. Wir beide saßen auf der Bank vor unserem Haus. Es war Sommer, auf dem Hof scharrten die Hühner, Sepp, unser Dackel, lag träge in der Sonne. Und was ganz seltsam war, ich war ein
erwachsener Mann und Du wolltest von mir wissen, was ich so alles erlebte, in den vielen Jahren, in denen wir uns nicht sahen. Es war ein kalter Wintertag, an dem wir Dich vor sechzig Jahren auf dem Sanderslebener Friedhof zur letzten Ruhe betteten. Wenige Wochen nach Deinen 80. Geburtstag. Ich war elf Jahre und hatte den Auftrag, einen Kranz von der Gärtnerei zu holen, für zwanzig Mark. Der Kranz war nicht fertig, ich hörte wie die Verkäuferin in einem hinteren Zimmer zu einer anderen
Frau sagte: „Ich wollte erst das Geld sehen, bei den Flüchtlingen weiß man nicht, ob die auch bezahlen können.“ Mit Tränen im Gesicht lief ich zum Friedhof und konnte mich nicht beruhigen, weinte und weinte. Wenn Träume etwas bedeuten, so bekam ich wohl von Dir den Hinweis: Nimm ein Blatt Papier und schreib auf was du erlebt hast. Eine solche Mahnung kann nur von Dir kommen. Viele Jahre nach Deinem Tod schrieb Hermann Hüttig, Du weißt, unser langjähriger Bürgermeister, eine
Abhandlung über unser Dorf und seine Bewohner. Über Dich schreibt er: „Marie war eine geborene Chronistin. Nicht nur die Vorkommnisse in Rongstock wurden von ihr festgehalten. Sie interessierten auch die politischen Ereignisse in der Welt. In ihrer Wohnstube türmten sich neben Büchern, Schreibheften und sonstigen Notizen auch Ordner mit Zeitungsausschnitten. Wenn ein Gast zu Frau Schwarzer kam, so musste erst eine Sitzgelegenheit frei gemacht werden, denn alles war mit wichtigen Akten
belegt.“ Leider konnten Deine vielen Aufzeichnungen bei unserer Vertreibung nicht mitgenommen werden. Mein anfangs geschilderter Traum gab mir die Anregung, meine Erlebnisse zu ordnen und in Deine Fußstapfen zu treten. Bis zum nächsten Brief Dein Enkel Winfried
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